Das Glück ist in keinem anderen Keks

Okt 6, 2017

 Eines Tages saß ich mit meinem Sohn und seinen Freunden in einem schäbigen Asia-Restaurant. Nach dem Essen wurde mir  der obligatorische warme Pflaumenwein kredenzt, die Kids bekamen Glückskekse. Jeder Keks enthielt einen der üblichen, mehr oder weniger sinnentleerten Sprüche. Nur einer nicht. Wir staunten nicht schlecht, als wir lasen, was auf dem kleinen Zettelchen stand:

“Das Glück ist in einem anderen Keks.”

Man sollte ja generell nicht alles glauben, was in einem Glückskeks steht, aber so etwas schon gar nicht.

Denn das Glück wartet – auch wenn wir das manchmal glauben möchten – definitiv nicht in einem anderen Keks auf uns.

Das Gras ist nirgendwo grüner als in deinem eigenen Garten

Wir neigen dazu, zu glauben, dass das Gras in den Gärten der anderen grüner ist als bei uns selbst. Dabei übersehen wir, dass auch die anderen Unkraut jäten, Schädlinge bekämpfen und Löcher in ihren Zäunen stopfen müssen. Sie mögen andere Voraussetzungen haben, andere Boden- oder Klimabedingungen – aber ob es in deinem Garten blüht und sprießt, hängt weniger von den Voraussetzungen ab, als davon, ob du dich auf eben diese  einstellen kannst und kreativ genug bist, etwas Wunderbares daraus zu machen.

Manchmal möchten wir davonlaufen vor unseren eigenen Bedingungen und Herausforderungen, unseren Aufgaben und vermeintlichen Schwächen. Davor, dass es oft mühsam, anstrengend und schmerzlich ist, sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben keine Lust, unser eigenes Unkraut zu jäten und würden uns am liebsten einen anderen Garten suchen, in der Hoffnung, dass dort alles viel leichter geht. Aber wenn wir das tun, laufen wir vor uns selbst davon, und unser Garten verwildert. Er wird zum Dschungel, in dem unheimliche Tiere wohnen – und dann ist uns erst recht nach Davonlaufen zumute.

Häng deine Sorgen an den Baum

Vielleicht kennst du die Geschichte von dem großen, alten Baum, der inmitten eines Dorfes stand. Eines Tages wurden die Dorfbewohner eingeladen, all ihre Sorgen und Nöte gut verpackt an diesen Baum zu hängen und stattdessen die Pakete von jemand anderem mitzunehmen. Zuhause öffneten sie erwartungsvoll ihre Päckchen –  in der Hoffnung auf ein einfacheres Leben. Bestürzt mussten sie jedoch feststellen, dass die Probleme der anderen oft sogar größer waren als ihre eigenen. So liefen sie also alle wieder zurück und tauschten die fremden Sorgen erleichtert wieder gegen die eigenen aus.

Auch vom Buddha himself gibt es eine ähnliche Geschichte. Einmal kam eine junge Frau schluchzend zu ihm. Sie hielt ihr verstorbenes Kind im Arm und flehte ihn an, es wieder zum Leben zu erwecken. Der Buddha gab ihr den Auftrag, ihm ein paar Senfkörner aus einem Haushalt zu bringen, in dem sich noch nie ein Todesfall ereignet hatte. Die Frau machte sich auf den Weg – aber sie suchte vergeblich. Und so wurde ihr bewusst, dass Probleme, Tod und Leiden nunmal zum Menschenleben gehören.

Schnitz ein Kunstwerk aus dem Holz, aus dem du gemacht bist!

Wenn du eine Zitterpappel bist, kannst du dein ganzes Leben damit verbringen, neidvoll auf die robuste Palme zu schielen und dir zu wünschen, du wärst wie sie: majestätisch und widerstandsfähig, ohne wie du beim leisesten Windhauch zu zittern. Du kannst aber auch bewusst, stolz und leidenschaftlich das Leben einer Zitterpappel führen und deine Empfindsamkeit, die dir einst als Last erschien, als deine größte Stärke erkennen. Und wer weiß, vielleicht beneidet dich die Palme insgeheim sogar darum, dass deine Blätter so anmutig im Wind tanzen?

Den roten Faden finden wir nie im Vergleich zu anderen. Wenn wir vergleichen, bleiben wir im Vergleich stecken. Uns selbst finden wir nur bei uns selbst.
~ Liane Dirks

Mein Schwiegervater, früher Tischler, widmet sich jetzt im Ruhestand dem Drechseln von Holzschüsseln. Für jedes dieser einzigartigen Stücke braucht er Jahre. Zuerst findet er irgendwo – meist in der freien Natur – ein Stück Holz aus einem Baumstamm oder einem dicken Ast. Das liegt dann eine halbe Ewigkeit in seiner Werkstatt herum. Hin und wieder nimmt er es zur Hand, dreht und wendet es, und fragt sich, welche Art von Schüssel darin wohl versteckt sein könnte. Er hört dem Holz zu. Und irgendwann weiß er dann, was es zu tun gilt, und macht sich an die Arbeit.

Früher hat mein Schwiegervater die Risse und Sprünge, die Fehler und Makel, die sich in den Schüsseln zeigten, mit Holzwachs ausgemerzt. Heute tut er das nicht mehr – denn es sind gerade diese Sprünge, Astlöcher und Unebenheiten, die jede dieser Schüsseln so einzigartig machen. There is a crack in everything … 

Ikea oder Unikat?

So wie der weise alte Tischler mit seinen Holzstücken sollten auch wir mit dem Material umgehen, das uns gegeben wurde.

Vielleicht gibt es ja Menschen, die lieber massenproduzierte 08/15-Ikea-Schüsseln sein wollen, die zu Hunderten die Regale füllen – in beängstigender Austauschbarkeit. Ich persönlich möchte lieber zu jenem Unikat heranreifen, als das ich gemeint bin. Auch wenn das nicht einfach ist und seeeeehr viel Geduld erfordert. Auch wenn ich immer wieder ganz still werden und genau hinhören muss. Auch wenn das bedeutet, mich nicht mehr verstecken zu können.

Denn ich weiß: Genau dort wartet das Glück auf mich – und garantiert nicht in einem anderen Keks.

Impulsfragen:

  • Aus welchem Holz bist du gemacht?

 

  •  Welches wunderschöne Kunstwerk wartet darauf, daraus zu entstehen?

 

  • Was sind die Risse und Sprünge in deinem Leben, die dich in deiner Schönheit einzigartig machen?

 

  • Was könnte DEIN Garten gerade von dir brauchen?

 

  • Was benötigt Aufmerksamkeit, Hinschauen, Pflege, Dünger? Was sollte ausgerupft, zurückgeschnitten oder besser außerhalb des Gartenzauns eingepflanzt werden?

 

  • Gibt es Löcher in deinem Zaun, die du dringend reparieren solltest?

Big wild love, Laya

Foto: © Shutterstock

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