Die sechs Gesichter der Angst

Okt 19, 2018

„Ich habe keine Angst“, sagt sie.

Sie ist klein und Mitte 50. Sie sitzt im Kreis mit zwanzig anderen Workshop-TeilnehmerInnen. Ich nehme ihre Körperhaltung wahr – mehr mit meinem eigenen Körper als mit meinen Augen. Ich nehme ihre Stimme wahr – mehr mit meinem Herzen als mit meinen Ohren. Mitgefühl überschwemmt mich. Ich lächle und sage nichts.

„Ich habe keine Angst“, wiederholt sie, „nie.“

Ich blicke in den Kreis. Auch die anderen TeilnehmerInnen lächeln. Ich spüre, dass sie dasselbe denken wie ich: „Jeder Mensch hat Angst. Oft. Aber nicht alle gestehen es sich ein.“

Natürlich hüte ich mich davor, der kleinen Frau mit den hochgezogenen Schultern und der gepressten Stimme zu sagen, dass sie eine cucumber with anxiety ist, so wie wir alle – eine Angstgurke. Denn genau wie Gurken besteht der menschliche Körper zum Großteil aus Wasser. Der Unterschied ist, dass beim Menschen die Angst einen gar nicht so kleinen  Teil des Restes ausmacht 🙂

Natürlich hat es keinen Sinn, jemandem, der so viel Angst vor der Angst hat, dass er behauptet, niemals Angst zu haben, vor den Latz zu knallen, dass auch er eine Angstgurke ist – zumindest nicht in diesem Setting.

Bei diesem Workshop habe ich eine Schreibmethode angeboten, mit der ich verborgene Wünsche, Träume und Visionen aus den TeilnehmerInnen herauskitzle. Darin kommt der Satzanfang „Wenn ich keine Angst hätte …“ vor, und jedes Mal entdecken die Menschen dabei, wie sehr ihre Ängste sie daran hindern, ihr Leben in die Hand zu nehmen und ihre großen und kleinen Träume zu verwirklichen.

Es braucht viel Mut, sich die eigenen Ängste einzugestehen und sie anzuerkennen. Aber wenn wir es nicht tun, hält die Angst uns im Schach, sie lähmt uns, erstickt unsere Lebendigkeit und hält uns klein – ohne, dass wir es merken.

Perhaps by now I’d come far enough that I had the guts to be afraid.”

~ Cheryl Strayed in “Wild” 

Oft haben unsere Ängste eine wichtige Botschaft für uns. Manchmal weisen sie uns auf alte Verletzungen hin. Manchmal zeigen sie uns, wo wir vorsichtiger sein oder bestimmte Risiken vermeiden sollten. Es ist wichtig, die Botschaft der Angst zu hören und zu verstehen – aber es ist noch viel wichtiger, uns von der Angst nicht davon abhalten zu lassen, beherzte Schritte zu tun und uns in all die Größe, Schönheit und Macht zu entfalten, die in uns angelegt sind.

„Do it scared!“ rufe ich mir mehrmals täglich zu. Das beginnt bei Kleinigkeiten wie ein Video aufzunehmen, obwohl ich mich manchmal lieber verkriechen würde, als vor der Kamera zu stehen. Oder Nein zu einer Anfrage zu sagen, obwohl ich noch immer nicht ganz von meiner  disease to please geheilt bin. Oder angemessene Preise und Honorare zu verhandeln, auf die Gefahr hin, KundInnen oder MitarbeiterInnen zu verlieren.

Angst überwinden Khalil Gibran

 

Die großartige Brené Brown  hat in zahlreichen Interviews mit Führungspersönlichkeiten etwas Erstaunliches herausgefunden: Jede dieser Führungspersönlichkeiten hat jeden Tag Angst. Darin unterscheiden sie sich nicht von uns anderen Gurken. Der Unterschied ist: Sie wissen um ihre Ängste – und sie tun die Dinge, die sie tun wollen, trotz der Angst. Mit der Angst. Um die Angst herum, oder über sie hinweg.

„Courage and fear are not mutually exclusive. Most of us feel brave and afraid at the exact same time. We feel vulnerable. Sometimes all day long.”

~ Brené Brown

Wie können wir die Angst vor der Angst überwinden? Indem wir sie besser kennenlernen. Indem wir unsere Angst-Muster durchschauen. Doch das ist gar nicht so einfach – denn Angst ist eine Verwandlungskünstlerin. Sie tarnt sich. Sie hängt sich verschiedene Mäntel um.

Willst du verhindern, dass deine Ängste dich weiterhin blockieren? Dann lerne, ihre Verkleidungen zu erkennen!  

 

Die 6 Gesichter der Angst

Laura Bushnell unterscheidet in ihrem Buch Life Magic sechs Erscheinungsformen von Angst:

# 1 Beurteilen

Alles und jeden sofort zu be- und verurteilen, in eine Schublade zu stecken oder ein Etikett darauf zu kleben, ist ein Ausdruck von Angst. Wir wollen Situationen und Menschen nicht wirklich begegnen. Wir glauben, zu wissen, wer was warum tut –  aber in Wirklichkeit wollen wir uns dem Leben in all seiner Komplexität und Unvorhersagbarkeit nicht aussetzen.

Ein Beispiel: Wenn ich obdachlose Menschen sehe, fällt es mir schwer, wirklich hinzuschauen. In meinem Kopf rattert es sofort los: „Sicher haben sie ein Drogenproblem. Oder sind psychisch krank. Ihnen ist dieses oder jenes widerfahren. Sicher KÖNNTEN sie sich Hilfe organisieren, aber sie WOLLEN nicht.“

Mit all dem versuche ich, mir die Vorstellung vom Leib zu halten, ich könnte selbst einmal in eine solchen Lage geraten, unfähig, mir selbst zu helfen oder mir helfen zu lassen. Mit meinem Kopfkino versuche ich zu verhindern, dass ich die Angst wirklich spüre. Aber die Angst ist da, auch wenn ich sie nicht wahrhaben will.

Durch unsere Urteile leben wir in der Illusion, Kontrolle zu haben. Wir erzeugen eine künstliche Trennung – weil wir Angst davor haben, in Vollkontakt mit dem Leben zu gehen.   

 

# 2 Sorgen

Sorgen lähmen uns. Statt uns ständig Sorgen um die Zukunft machen, könnten wir zum Beispiel die Ärmel hochkrempeln, um so gut es geht vor-zu-sorgen – und den Rest der Zeit vertrauensvoll im Hier und Jetzt weilen.

Doch in unseren Köpfen werden ohne Ende worst-case-Szenarien abgespult. Ständig denken wir darüber nach, was nicht alles Furchtbares passieren könnte – und wir sind so sehr in diesen Filmen gefangen, dass wir vergessen, dass WIR hier die DrehbuchautorInnen, RegisseurInnen und HauptdarstellerInnen sind. Wir könnten sogar eine völlig andere Filmrolle einlegen – wären wir nicht gelähmt vor Angst.

Die kleine Schwester der Sorge ist die Ungeduld. Wenn wir voller Vertrauen sind und wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, brauchen wir nicht ungeduldig zu sein. Ungeduld trennt uns vom gegenwärtigen Moment. Wir wollen die Zukunft schneller herbeiführen, und übersehen dabei, dass der gegenwärtige Moment über die Zukunft entscheidet! Wenn wir ihn verpassen, können wir nicht wirksam sein. Wenn wir das JETZT nicht in voller Präsenz leben, zerrinnt uns das Leben zwischen den Fingern.

Never forget: THIS moment makes your future moments!

{Nutze die Rauhnächte, um deine Zukunft zu gestalten und selbst über den Film deines Lebens zu bestimmen! Wie das geht, erfährst du hier.}

 

# 3 Gleichgültigkeit

„Die Trauben sind ja doch nur sauer“, sagte der Fuchs und rümpfte die Nase – weil die Trauben so hoch hingen, dass er sie nicht erreichen konnte.  Und weil er sich nicht die Mühe machen wollte, einen Weg zu finden, doch irgendwie an die süßen Früchte heranzukommen. Zum Beispiel hätte er ein vorbeihüpfendes Eichhörnchen bitten können, sie für ihn zu pflücken – aber dafür war er wohl zu stolz dazu.

Wenn wir etwas wollen, aber Angst haben, es nicht zu bekommen, oder zu scheitern, wenn wir nicht bereit sind, für etwas einzustehen, notfalls auch zu kämpfen – dann flüchten wir uns in Gleichgültigkeit.

„Na schön, dann wird es eben nichts mit WOW. Gebe ich mich halt mit GEHTSO zufrieden“, seufzen wir, ziehen die Köpfe ein – und nehmen in Kauf, dass wir am Ende unseres Lebens enttäuscht und verbittert zurückblicken und händeringend „Hätt’ ich doch!“ rufen werden.

Es ist in Ordnung, sich gegen Kampf und Anstrengung zu entscheiden, wenn wir erkennen, dass eines unserer Ziele das Risiko und die Mühe nicht wert ist.

Es ist in Ordnung, alles zu geben, für etwas zu kämpfen, und es trotzdem nicht zu erreichen.

Aber etwas aus ganzem Herzen zu wollen, und aus Angst, es nicht bekommen oder erreichen zu können nicht dafür einzustehen – das ist jammerschade. Als Zufriedenheit getarnte Gleichgültigkeit gräbt uns unsere Lebendigkeit ab. Und das ist auf Dauer sehr, sehr ungesund.

„Es ist nicht der Kritiker, der zählt,
nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolpert ist
oder wo der, der Taten vollbracht hat, sie hätte besser machen können.
Die Anerkennung gebührt dem, der wirklich in der Arena ist;
dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut;
der tapfer strebt;
der irrt und wieder und wieder scheitert,
denn es gibt keine Anstrengung ohne Irrtum und Fehler;
der jedoch wirklich danach strebt, die Taten zu vollbringen;
der die große Begeisterung kennt,
die große Hingabe,
und sich an einer würdigen Sache verausgabt;
der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt;
und der,
im schlechtesten Fall,
wenn er scheitert,
zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat,
so dass sein Platz niemals bei den kalten und furchtsamen Seelen sein wird,
die weder Sieg noch Niederlage kennen.“
~ Theodore Roosevelt

 

# 4 Unentschlossenheit

Stell dir vor, du stehst auf einer wackeligen Hängebrücke und hast panische Angst. Du stehst genau in der Mitte, unter dir der Abgrund, alles schwankt, dir wird schwarz vor Augen und du hältst dich krampfhaft am Geländer fest. Die einzige Möglichkeit, dich aus dieser misslichen Lage zu befreien, ist, vorwärts zu gehen. Umkehren ist keine Option – denn du hattest einen guten Grund dafür, den Ort, an dem du bisher warst, zu verlassen, und den Weg über die Brücke anzutreten.

Aber du weißt nicht, was dich am anderen Ende der Brücke erwartet, und statt es herauszufinden, stehst du mit bibbernden Knien auf schwankendem Untergrund und machst auch nicht den kleinsten Schritt auf das Unbekannte zu.

Ja, so fühlt es sich an, aus Angst vor „falschen“ Entscheidungen und ihren Konsequenzen entscheidungsunfähig zu sein.

BEVOR wir die Brücke betreten gut zu überlegen und das Risiko gut abzuwägen ist schlau. Sich mittendrin von der Angst überwältigen – und lähmen – zu lassen, weniger.

Wir wissen sowieso nie, was auf uns zukommt, egal, wie wir uns entscheiden. Selbst wenn wir den Status Quo krampfhaft aufrechtzuerhalten versuchen, ist alles im Wandel, und nur weniges unter Kontrolle.

Ich zum Beispiel bin bei einem Jobwechsel schon einmal gehörig vom Regen in die Traufe gekommen  und habe mich gefragt, ob ich nicht die falsche Entscheidung getroffen habe. Aber rückblickend gesehen hat mir der neue Job einfach nur gezeigt, dass ich unemployable bin und mein eigenes Ding machen muss, um glücklich zu werden. Und er hat mir ein paar entscheidende Begegnungen mit Menschen beschert, die meinem Leben eine bedeutsame Wendung gegeben haben.

Es gibt keine falschen Entscheidungen. Es gibt nur Lebenswege – und die sind selten geradlinig!

Lieber einen beherzten Schritt ins Unbekannte machen, statt mit bibbernden Knien in der Mitte einer Hängebrücke stehen!

Lieber einen beherzten Schritt ins Unbekannte machen, statt mit bibbernden Knien in der Mitte einer Hängebrücke stehen!

 

 

# 5 Perfektionismus

Auch Perfektionismus ist lähmend. Auch er hindert uns daran, vorwärts zu schreiten. Wir wollen uns mit ihm vor Verletzlichkeit schützen – denn wer ein echter Mensch ist, ist unperfekt und unvollkommen, und dadurch angreifbar und verletzlich. Perfektionismus ist die Illusion, in einer unvollkommen Welt vollkommen sein zu können.

Dabei geht es im Leben gar nicht um Vollkommenheit, sondern um Liebe – und die schließt jede Macke, jeden Fehler, jede Peinlichkeit und jede Unzulänglichkeit mit ein.

 

# 6 Verwirrung

Verwirrung ist das Gegenteil von Klarheit. Und Klarheit besiegt die Angst.

Oft wollen wir die Dinge aber gar nicht klar sehen. Wir wollen uns dem, was in unserem Leben nicht (mehr) passt, nicht stellen. Wir wollen uns nicht damit auseinandersetzen, dass etwas gründlich schiefläuft im Job, in der Partnerschaft, mit unserer Wohnsituation oder unseren Finanzen. Lieber im Nebel der Verwirrung herumtappen, als sich der Notwendigkeit der Veränderung stellen!

Klare Erkenntnisse können schmerzhaft sein. Das Erkennen verlangt ein Handeln von uns, eine beherzte Tat, einen mutigen Schritt. Und davor haben wir Angst. Dabei ist der Nebel der Verwirrung viel beängstigender, als der Wahrheit ins Auge zu blicken und Konsequenzen aus dem zu ziehen, was wir dabei sehen!

“There is nothing to fear except the persistent refusal to find out the truth.” 
~ Dorothy Thompson

Divider Gold

Es ist gut, die Verkleidungen der Angst zu kennen. Es ist gut, Namen für sie zu haben. Denn je schneller wir die Angst erkennen, desto besser können wir sie (mit einiger Übung und guten Tools) loslassen.

Oft liest man, Liebe sei das Gegenteil von Angst – aber das stimmt nicht. Die Angst kann uns sogar (wie jede Emotion, die wir zulassen) zurück zur Liebe führen:

„Liebe ist gleichbedeutend mit Totalität. Sie beinhaltet alles, alle Gedanken, alle Formen und alle Emotionen – also auch die Angst. Wenn ich mich der Angst nicht verweigere, sondern zulasse, dass ich sie wirklich spüre, wenn ich sie in mir leben lasse, dann finde ich die Qualität der absoluten Liebe, dann finde ich zur Quelle. Jede Emotion ist wie eine Tür, eine Chance, zurück zur absoluten Liebe zu finden.“
~ Nathalie Delay

Ja, wir sind Angstgurken. Das ist menschlich und völlig in Ordnung, solange wir der Angst nicht das Steuer unseres Lebens überlassen.  Wenn wir uns dem Vertrauen und der Liebe öffnen, dann dehnen wir uns aus.  Dann werden wir größer – sogar größer als unsere größte Angst: die vor unserer eigenen Macht, Kraft und Magie.

Wir können uns jeden Tag dafür entscheiden, von einer Angstgurke zu einer Muttomate zu werden:  strahlend rot, rund und saftig – und bei Bedarf ein grandioses Wurfgeschoss!

„Eine der größten Entdeckungen, die ein Mensch macht, eine seiner größten Überraschungen, ist das tun zu können, von dem er Angst hatte, es nicht tun zu können.“
~ Dorothy Thompson

Big, wild, love

Laya

Titelfoto by Alexandra Gorn on Unsplash
Foto Hängebrücke by Cade Roberts on Unsplash

Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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