3 Wege, dem inneren Ruf zu folgen

Es ist halb zehn Uhr abends, aber noch immer liegt brütende Hitze über der Stadt.

Ich bin in Wien.

An der gläsernen Schiebetür des Hotels, in dem ich zu nächtigen gedenke, marschiere ich vorbei, um nach der Diplomatische Akademie zu suchen, an der am nächsten Tag mein english exam stattfinden wird.

{Da ich meinen quasi nicht vorhandenen Orientierungssinn kenne, überlasse ich diesbezüglich lieber nichts dem Zufall. Welche der herrlich hysterischen Protagonistinnen in welchem Film von Pedro Almodóvar war es nochmal, die den legendären Satz „Ich bin eine Frau, ich verirre mich auf einem Quadratmeter!“ geprägt hat?}

Wie auch immer – als ich, nach Nummer 15 A Ausschau haltend, die Favoritenstraße hinablaufe und dabei die in unwirklichem Lachsrosa leuchtenden Wolken am Sommerabendhimmel bestaune, erreicht mich die Nachricht meiner Freundin und Kollegin R.

„An-mutig schreitet die Schneeleopardin voran“, schreibt sie, und diese Worte sind das allerschönste „good luck“ für die Prüfung, die zu meistern ich mir in den Kopf gesetzt habe.

Denn die Schneeleopardin begleitet mich schon lange, und je länger sie an meiner Seite schreitet, desto mehr verschmelzen wir miteinander, sie und ich, und mir erwachsen genau jene Qualitäten, die sie verkörpert: Mut und Anmut, Intuition, gebündelte Kraft und wachsame Präsenz.

Zum ersten Mal erschien mir diese stille Begleiterin, als das Jahr 2014 zu Ende ging und ich zu Tode erschöpft, rat- und mutlos war nach den Ereignissen, die hinter mir lagen. Kurz: Es ging mir miserabel, und ich zog mich in ein Yoga-Ressort in der Südtürkei zurück, um dort den Jahreswechsel allein und in Stille zu verbringen – in der Hoffnung, Antworten auf meine Fragen zu finden.

Nicht nur das Leben meiner Mutter war in diesem Jahr mehrmals an einem seidenen Faden gehängt, sondern auch das Weiterbestehen der yogalounge, die ich gemeinsam mit meiner innigsten Freundin gegründet hatte. Gleich nach der Eröffnung erkannten wir, dass meine Vision nicht die ihre war. Ihr Ausstieg war langwierig, konfliktreich und für uns beide sehr schmerzhaft. Das alles überforderte mich nicht nur emotional, sondern war auch wirtschaftlich existenzgefährdend. Passend zu meiner Stimmung sank die Auslastung der Yogastunden in den Keller, und es sah ganz danach aus, als würde ich das, worin ich all meine Ersparnisse und all mein Herzblut gesteckt hatte, verlieren.

Ich hatte wenig Erfahrung damals, und noch weniger Vertrauen. Aber eines hatte ich – den Weg in die Stille. Als ich mich in sie hineinfallen ließ, erschien bei einer schamanischen Reise SIE: die Schneeleopardin.

„Ein einsamer Weg liegt vor dir“, teilte sie mir mit. „Und er wird beschwerlich sein. Aber du musst ihn gehen, und du wirst die Kraft dazu haben. Und sei gewiss: Ich weiche nicht von deiner Seite.“

Ich weiß nicht, wie ich die folgenden Monate überlebt hätte, hätte ich nicht immer wieder die lautlosen Pfoten der Schneeleopardin neben mir gespürt und ihren Raubkatzenatem gefühlt.  

 

Zeitsprung.

Drei Jahre später floriert die yogalounge. Ich habe zuverlässige und kompetente neue Partnerinnen gefunden, in Berlin eine Schreibtherapie-Ausbildung absolviert und meine erste Schreib-Jahresgruppe ins Leben gerufen. In einer besonders berührenden Übung schreiben je zwei Teilnehmerinnen einen Krafttext für einander. Auch ich bekomme einen Kraft(tier)text geschenkt, von meiner Freundin und Seminar-Assistentin R.:

„Ich bin die Frau mit dem Herz der Schneeleopardin. Du kannst mich nicht treffen, denn ich bin schon längst dort, wovon du noch träumst. Und selbst in deinen Träumen bleibe ich verborgen, wenn ich mich nicht von selbst zu erkennen gebe. Ich bin nicht lauter als eine Schneeflocke, die zu Boden fällt. 

Ich beschreite auf meiner Suche neue Pfade und trage dabei immer den Frieden in meinem Herzen und die Unendlichkeit in meiner Seele.

Wird der Weg weit und beschwerlich, trinke ich aus der Quelle meiner gesammelten Lebenskraft, ohne mich in alten Mustern zu verstricken.“

 

Noch ein Zeitsprung.

Zwei weitere Jahre später schlurfe ich durch die tropische Schwüle Wiens – und da taucht sie wieder auf, neben mir, meine Schneeleopardin, dieses verwandte Wesen, diese Seelenflüsterin. Seite an Seite schreiten wir voran – mutig und anmutig.

Ja, auch Schlurfen, Taumeln, Stolpern, Straucheln kann mutig sein. Manchmal sogar anmutig.

Das IELTS Exam ist meine Eintrittskarte zu meinem Positive Psychology Studium an einer Londoner Uni. Die Lounge wird nicht nur gerade umgebaut, sondern es scheint, als würde sich in nicht allzu ferner Zukunft ein Schreib- und Coachingzentrum zum Yogastudio gesellen. Und wenn ich meine zahlreichen Metamorphosen der letzten Jahre Revue passieren lassen, muss ich herzhaft lachen – darüber, wie oft ich dachte „Ha, jetzt hab ich’s! Nur noch DAS eine Studium, nur noch DIE eine Ausbildung, nur noch DIESER eine Hakenschlag, dann bin ich an meinem Platz angekommen!“

Heute weiß ich: Der Platz, der für uns bestimmt ist, ist nichts Statisches. Es ist kein Ort und kein Beruf, und auch keine Beziehung oder Rolle, die wir ausfüllen. Dieser Platz ist ein Gefühl des Im-Einklang-Seins – und womit wir uns im Einklang fühlen, ist etwas höchst Wandelbares.

„Jeder Lebenssinn sollte voll gelebt werden bis zu dem Punkt, wo alles leer, langweilig und sinnlos erscheint – dann muss man ihn hinter sich lassen.

Das ist ein Zeichen von Wachstum, obgleich Sie es fälschlicherweise für ein Zeichen des Versagens halten könnten.“

~ David Deida

Insofern bin ich sicher, dass die Positive Psychologie – so leidenschaftlich ich mich auch gerade damit befasse -, nichts weiter als ein Goldnugget ist, das ich entlang des Weges einsammle, und dessen Essenz sich mit der meinen vermischen wird, so dass in einem alchemistischen Prozess etwas Neues und Einzigartiges daraus entsteht.

Natürlich geht es im Grunde weder um irgendwelche Tests noch um Ausbildungen oder Unternehmensgründungen, sondern darum, dem inneren Ruf zu folgen.

Und das klingt viel einfacher, als es ist.

Denn der innere Ruf ist keine Fremdenführerin, die mit einem Regenschirm in der Luft herumwedelnd vor uns durch eine fremde Stadt marschiert und „Hier entlang!“ ruft.

Der innere Ruf ist kein GPS, und auch kein riesiges „Noch 6 Kilometer bis zur richtigen Ausfahrt“-Schild auf der Autobahn.

Um den inneren Ruf zu hören und zu verstehen, brauchen wir andere – feinere –  Wahrnehmungsorgane.

 

# 1 Suche die Dämmerung

„Believe in yourself!“ – klingt gut, hat mich aber immer etwas ratlos zurückgelassen. An welches „Selbst“ soll ich denn bitte glauben? In mir gibt es so viele Stimmen, und oft findet in meinem Inneren ein einziges Hin- und Hergezerre statt. Sogar ein Teil von mir, der mutig und souverän daherkommt, kann sich bei genauerer Betrachtung als mein verkleidetes und vor Angst bibberndes Ego entpuppen, und so manches Mal, als ich dachte, ich wäre meiner weisen inneren Stimme gefolgt, hat sich dieses Manöver im Nachhinein als Flucht oder Ausweichbewegung vor meinem wahren Weg erwiesen.

„Believe in your soul!“ sollte es vielleicht eher heißen. Und um herauszufinden, was nun die Botschaft der Seele ist und was nicht, gibt es für mich ein zentrales Unterscheidungsmerkmal:

Die Stimme der Seele ist niemals schrill. Eher schon schwebend und subtil. Eher ein kaum greifbares Ahnen, das sich erst nach und nach zur Gewissheit verdichtet.

Eine Kollegin erzählte mir kürzlich von einer Metapher, über die sie in einem Buch gelesen hat (ich weiß leider nicht mehr, in welchem. Falls es bei dir klingelt – bitte unbedingt den Titel in die Kommentare schreiben, danke!):

Mit dem inneren Ruf ist es wie mit Rehen. Sie zeigen sich am ehesten in der Dämmerung – zu der Tageszeit also, zu der die Grenzen zwischen den Welten durchlässiger sind als sonst. Und sie zeigen sich dann, wenn du still bist und beobachtest – nicht dann, wenn du laut „Haaaalloooo Reeeeheeee, wo seid ihr?“ in den Wald rufst.

Die Reh-Methapher finde ich deshalb besonders schön, weil die Stimme meiner inneren Führung sich häufig in Form von Tierbegegnungen zeigt. Egal ob Leopardinnen, Wildschweine, Eichelhäher, Wespen oder Schmetterlinge– viele tierische BotschafterInnen haben mir bereits den Weg gewiesen.

Es kann aber auch ein Song sein, den du schon ewig nicht mehr gehört hast, und der im Hintergrund läuft, während du einen Shop betrittst. Oder ein Wort, ein Satz, ein Kapitel aus einem Buch. Oder ein facebook posting. Oder ein Gespräch am Nebentisch im Café. Oder eine bestimmte Zahlenkombination, die dir wieder und wieder über den Weg läuft.

Wachsames und neugieriges Lauschen wird dir offenbaren, auf welche Weise die Stimme DEINER inneren Führung zu dir spricht.

 

# 2 Das Nichtwissen aushalten

Mit Phasen der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit müssen wir Frieden schließen, wenn wir den Weg der Essenz gehen wollen. Das fundamentale Nichtwissen, das der tiefen Gewissheit, wohin unser Weg uns führen möchte, oft vorausgeht, müssen wir auszuhalten bereit sein. Mit ein wenig Übung und wachsendem Vertrauen wird aus diesem Aushalten mehr und mehr ein neugieriges Willkommenheißen. So etwas wie: „Oh, cool, ich habe wieder mal keine Ahnung, wie es mit mir / meinem Leben / meiner Beziehung / meiner Arbeit weitergeht! Da bin ich ja mal gespannt, was das Universum diesmal für mich auf Lager hat!“

Dennoch kann sich das Nichtwissen oft ziemlich unangenehm anfühlen. Es ist ein Nadelöhr, ein Geburtskanal. Wenn es in unserem Leben eng wird, ist es wichtig, in die eigene Unendlichkeit hinein zu atmen, und uns daran zu erinnern, dass wir nicht von dieser Erde fallen können. Und dass die Neugeburt, die nicht mit Geburtswehen einhergeht, erst erfunden werden muss.

{Vielleicht tun wir das gerade – eine neue Art von Neugeburt erfinden. Als Menschheit, meine ich … nur so ein Gedanke.}

In die Weite gehen

Die breiten Straßen meiden

Das Nichtwissen aushalten

In die Weite gehen – immer

~ Layaki

 

# 3 Berufungs-Urlaub nehmen

Zwischen dem Listening/Reading/Writing- und dem Speaking-Teil meines IELTS Exams habe ich ein paar Stunden Zeit. Ich verbringe sie im Musemsquartier bei Quinoasalat mit Avocados und Kaffee mit Vanilleeis, und damit, mit dem schwarzgelockten jungen Kellner zu flirten. Es ist natürlich nur ein So-tun-als-ob-Flirt, trotzdem fühle ich mich, als wäre ich auf Kurzurlaub in Italien.

Die Suche nach der Berufung kann mitunter zu einer ziemlich verbissenen Angelegenheit werden. Dann hirschen wir, laut nach Rehen rufend, durch den Wald, anstatt das milde Licht der Abenddämmerung am Waldrand zu genießen und den Duft der Holunderblüten einzusaugen –  im Vertrauen darauf, dass wir im richtigen Moment den Blick heben und die Rehe sehen werden, wenn sie aus dem Wald hervorlugen.

Es gibt auch ein Leben neben der Berufung! Je leichtfüßiger wir es genießen, desto mehr sind wir im Freuden-Flow, und umso eher finden wir an jenen Nicht-Ort, der unser Platz im Leben ist.

Big, wild love

Laya

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Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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