Die Großzügigkeits-Falle

Schon im Treppenhaus höre ich sie – eine Klarinette und ein Cello. Sie spielen eine Melodie aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, und ich liebe sie, diese Melodie, genauso wie ich diesen Film liebe.

Auf der Straße angekommen sehe ich sie an der Ecke stehen: Zwei junge Kerle, der eine rot-, der andere dunkelhaarig, beide in zerknitterten schwarzen Anzügen, ein rührend-skurriler Anblick. Und obwohl ich in Eile bin, kann ich gar nicht anders, als ein paar Münzen aus meinem Rucksack zu fischen und sie in den schwarzen Instrumentenkoffer zu werfen, der aufgeklappt auf dem Kopfsteinpflaster steht.

Keine halbe Stunde später kaufe ich in einem kleinen Buchladen 14 Notizbücher. Zwölf für meine Retreat-Teilnehmerinnen und zwei auf Reserve. Ich liebe sie, diese bunten Freunde und Wegbegleiter – nicht nur, weil sie wunderhübsch sind, sondern auch weil ich weiß, dass sie von Menschen mit Beeinträchtigungen hergestellt werden, in der Werkstätte gleich neben der Buchhandlung.

„Suchen Sie sich noch eines aus – für sich selbst“, sagt die Verkäuferin. „Mengenrabatt sozusagen.“

Am selben Tag nehme ich an einem Schreib-Workshop teil. Anders als sonst lese ich meinen Text nicht vor, obwohl die Workshopleiterin betont, dass es nicht nur für uns selbst, sondern auch für die anderen ein Geschenk ist, wenn wir teilen, was wir geschrieben haben. (Genau wie sie ermutige ich die Teilnehmerinnen in meinen Seminaren und Retreats zum Vorlesen. Und genau wie sie betone auch ich jedes Mal, dass das Teilen der Texte immer freiwillig ist und nie zum Muss werden darf.)

Doch nein, ich will das Geschriebene heute nicht teilen, ich will es für mich behalten. Das Thema ist zu sensibel und ich fühle mich zu verletzlich. Kurz meldet sich eine innere Stimme: „Komm schon. Du bist doch selbst Schreibtrainerin. Geh mit gutem Beispiel voran!“

Aber nein. Nein, sagt mein Solarplexuschakra. Ich will nicht, und ich muss nicht. (Und wer weiß – vielleicht gehe ich gerade dadurch mit gutem Beispiel voran und gebe anderen Teilnehmerinnen die Erlaubnis, ihre Texte ebenfalls für sich zu behalten … wer weiß, wer weiß …)

Zwei Stunden davor sitze ich neben meinem Vater an seinem Schreibtisch und unterstützte ihn bei seinen Bankgeschäften. Er merkt, dass ich die Stirn runzle angesichts der großen Summen, die er Monat für Monat spendet, und angesichts der unzähligen Spendenaufrufe, die er zugeschickt bekommt, und denen er einfach nicht widerstehen kann.

„Ich weiß, du hältst nicht viel vom Spenden“, sagt er.

„Doch, Papa“, antworte ich. „Ich halte viel davon. Ich habe ein Patenkind in Indien. Ich unterstütze eine Erste-Hilfe-Station in Nepal. Ich kaufe Kupfermuckn und unterstütze Straßenkünstler. Es gibt Ermäßigungen für Studierende und sozial Benachteiligte in der yogalounge. Aber es ist eine Frage der Ausgewogenheit. Alles mit Maß und Ziel, verstehst du?“

Ein einziger Tag, und so viel Geben und Nehmen. Oder Nichtgeben und Nichtnehmen. Alles im Flow, alles stimmig, alles in schönster Ausgewogenheit.

So ist das heute.

Aber es war nicht immer so. 

Drei Phasen der Heilung

Ich erinnere mich gut an einen frostigen Novembertag vor einigen Jahren, an dem ich mit zornigen Schritten und Tränen in den Augen durch den gefrierenden Nebel stapfte, meine Ohrstöpsel und eine Meditation in den Ohren, bei der es darum ging, eine Waagschale zu visualisieren und auf diese Weise  herauszufinden, ob Geben und Nehmen in Balance sind.

Meine Waagschale war derartig aus dem Gleichgewicht, dass mein Zorn sich zuerst in Bitterkeit verwandelte und dann in tiefe Traurigkeit.

„Was habe ich mir selbst angetan?“, fragte ich mich verzweifelt. „Was habe ich MIR alles weggenommen, um ANDEREN so viel geben zu können? Wie viel Energie habe ich verloren, die mir jetzt fehlt?“

Ich fühlte mich ausgebrannt, erschöpft und blutleer, damals.  

An diesem Tag habe ich beschlossen, mein Leben radikal zu verändern – und das habe ich getan. Nicht von einem Tag auf den anderen, versteht sich, sondern in mehreren Phasen.

In der ersten Phase beobachtete ich mich selbst ganz genau und fand heraus, welche Muster meinem scheinbar ach so großzügigen Verhalten zugrunde lagen.

Und das tat weh.

Es tat weh zu erkennen, dass ich nicht aus Liebe und Altruismus großzügig und hilfsbereit gewesen war, sondern aus meiner eigenen Bedürftigkeit heraus.

Aus dem Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit heraus leistete ich mehr und immer noch mehr, statt mir Ruhe zu gönnen. Aus dem Bedürfnis danach, meine Selbstlosigkeits-Maske vor mich herzutragen, um meine eigene Bedürftigkeit nicht zeigen zu müssen, war ich immer für andere da. Aus dem Bedürfnis heraus, alles kontrollieren zu können, tat ich Dinge, die nicht meine Aufgabe waren. Aus dem Bedürfnis nach Harmonie heraus vermied ich Auseinandersetzungen und machte absurde Zugeständnisse, statt klare Grenzen zu setzen und meine Energie zu schützen.

Nach dieser schmerzhaften Zeit des Erkennens kam als zweite Phase ein klassischer Überschwinger. Ich schenkte niemandem mehr etwas zu Weihnachten. Ich hörte auf, für irgendjemanden Geburtstagstorten zu backen.  Ich schrieb keine Karten aus dem Urlaub und kaufte keine Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Ich holte meinen Liebsten nicht vom Bahnhof ab. Ich fütterte weder die Katze der Nachbarin noch goss ich ihre Blumen. Und während beim weihnachtlichen Festessen alle anderen herumwuselten, den Tisch deckten, Wein einschenkten, den Braten aus dem Ofen holten oder zumindest Servietten falteten, blieb ich wie festgeklebt auf meinem Allerwertesten sitzen und rührte keinen Finger. Am liebsten hätte ich mich auch noch füttern lassen 😊

Diese Phase war für mich die Rekonvaleszenz von meiner lebens(energie)bedrohlichen Overgiving-Krankheit. Ich brauchte dieses Überschwingen dringend, denn ich musste spüren und erleben:

Ich bin genug.

Ich muss nichts geben, um geliebt zu werden und dazuzugehören.

ICH bin das Geschenk – und alles andere ist nichts weiter als eine freiwillige Draufgabe.

Es gibt ein Geben, das nimmt, und es gibt ein Nehmen, das wie eine liebe Gabe erfreut.
~ Karl May

Das Schöne ist, dass ich, nachdem ich so richtig satt und wohlgenährt war von diesem Gefühl, in einer dritten Phase ganz von selbst wieder großzügig wurde – aber anders als zuvor. Wahrhaftig großzügig, nicht dysfunktional, und nicht aus Bedürftigkeit heraus. Ich gab aus ganzem Herzen – und ich gab NUR dann, wenn meine Schale und mein Herz überflossen, und wenn meine Energiebilanz im Großen und Ganzen ausgeglichen war.

Natürlich erlebte ich auch Rückschläge in Sachen falscher Großzügigkeit, overgiving und miserablem Energiemanagement. Aber wenn ich heute die beiden Waagschalen visualisiere, sind sie meistens in Balance – und ich habe sehr feine Sensoren entwickelt, die sofort Alarm schlagen, wenn sie aus dem Gleichgewicht zu geraten drohen.

 

Drei Erkenntnisse über wahre Großzügigkeit

 

# 1 Gib nicht, um zu bekommen!

Klar, wenn wir eine 1:1-Gegenleistung erwarten, dann ist unsere scheinbare Großzügigkeit leicht als Manipulation zu entlarven.

Aber meistens ist die Kompensations- und Bedürftigkeitsdynamik viel subtiler.

Oft geben wir, weil unser Selbstwertgefühl so gering ist, dass wir nicht glauben können, dass wir genug sind, so wie wir sind.

Oft geben wir, weil wir dafür Anerkennung, Lob, Wertschätzung oder Bewunderung bekommen.

Oft geben wir, weil wir meinen, dadurch die Kontrolle behalten zu können.

Oft geben wir, weil wir befürchten, einen Konflikt zu riskieren, wenn wir es nicht tun.

Oft geben wir, weil andernfalls unser mühsam aufrechterhaltenes Selbstbild zu bröckeln beginnt – und hinter diesem Selbstbild warten  unsere Schatten und die dunklen Winkel unserer Persönlichkeit auf uns.  

Echte Großzügigkeit hingegen kennt kein WEIL. Sie kommt aus tiefstem, aus überströmendem Herzen. Das Herz gibt, weil es nicht anders kann, und nicht, weil es will oder soll oder sich dazu verpflichtet fühlt.

Wenn dieses Gefühl der Reinheit, des Überströmens, nicht spürbar ist: Gib nicht.

Oder gib dir zumindest die Erlaubnis, nicht zu geben.

Wer weiß, vielleicht schafft diese Erlaubnis so viel Raum in deinem Herzen, dass du doch geben möchtest – dann aber aus freien Stücken, und aus wahrhafter Großzügigkeit heraus.

Es muss von Herzen kommen, was aufs Herz wirken soll.
~ Johann Wolfgang von Goethe

 

# 2 Geben macht glücklich, aber …

Unzählige Studien haben bewiesen, dass Geben glücklich macht, und dass Großzügigkeit ein Schlüssel zur Zufriedenheit ist. Andere zu beschenken – sei es mit einem Lächeln, einer helfenden Hand, einer materiellen Aufmerksamkeit oder durch ehrenamtliche Tätigkeiten – gibt unserem Leben nicht nur Sinn, sondern fördert erwiesenermaßen sogar unsere körperliche Gesundheit.

Für andere da zu sein kann uns außerdem wunderbar aus unserer Ich-Zentriertheit herauskatapultieren, so dass wir zumindest für einen Moment aufhören, um uns und unsere Problemchen zu kreisen.

Aber Achtung.

Bei vielen Menschen – vor allem bei Frauen – ist es genau umgekehrt. Statt sich um sich selbst zu kümmern, kümmern sie sich liebend gerne um alle anderen und tun so, als wären sie höchstpersönlich für das Wohlergehen sämtlicher Menschen im Umkreis von hunderten Kilometern verantwortlich. Sie geben mehr, als irgendjemand von ihnen braucht, verlangt oder erwartet. Und darüber vergessen sie, dass auch sie selbst etwas brauchen.

Genau für solche overgiver-Typen ist Großzügigkeit eine Falle, aus der es schwer zu entkommen ist.

Die Lösung liegt wie so oft in der Selbsterkenntnis:

Wo gibst du, weil du deine eigene Not und Bedürftigkeit, deinen Schmerz und deine Verzweiflung nicht spüren willst?

Wo bist du für andere da und lässt dabei dich selbst im Stich?

Wo schadest du anderen mehr mit deiner Großzügigkeit als dass du ihnen damit hilfst? (Wo übernimmst du zum Beispiel Verantwortung für andere und beraubst sie dadurch der Chance, selbst Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen?  Wo tust du Dinge für andere, die sie selbst tun und dadurch mehr Selbstbewusstsein entwickeln könnten?)

Das Geben ist leicht; das Geben überflüssig zu machen, ist viel schwerer.
~ Henry Ford

 

# 3 Indem du das Falsche gibst, verweigerst du der Welt dein wahres Geschenk

Würden wir alle versuchen, Mutter Teresa zu sein, wäre die Welt kein besserer Ort.

Mutter Teresa war einzigartig, und sie gab, was SIE zu geben hatte – aber auch DU bist einzigartig, und was die Welt braucht, ist genau DEINE Medizin. Indem du herausfindest, woraus diese Medizin besteht, und sie dann mit anderen teilst, machst du der Welt das allergrößte Geschenk – das deiner Essenz und deiner Wahrhaftigkeit.

The meaning of life is to find your gift.
The purpose of life is to give it away.
~ Pablo Picasso

Indem wir versuchen, Mutter Teresa zu spielen oder Greta Thunberg oder Waris Dirie, flüchten wir oft meisterhaft vor dem, was unsere wahre Aufgabe ist. Womöglich sind wir auch noch stolz darauf, uns auf diese Weise aufzuopfern, und wundern uns dann darüber, dass wir bis auf die Knochen erschöpft und zutiefst frustriert sind.

Ich zum Beispiel bin grottenschlecht darin, Kranke zu pflegen. Ich weiß nicht, wie man Wadenwickel macht, ich habe keine Ahnung, wie man aus Tannenwipfeln Hustensaft braut, und ich kann keine Hühnersuppe kochen. Aber ich kann Menschen zum Lachen bringen, und ich kann ihnen Geschichten erzählen, die ihre Seele erheben. Ich finde zwar oft den Fiebermesser nicht, aber dafür finde ich die richtigen Worte, um einem Menschen mit schwerem Herzen die Flügel der Zuversicht wiederzugeben.

I’m a writer. I don’t cook, I don’t clean.
~ Dorothy West

Ich bin auch grottenschlecht im Ausmalen, dafür bin ich gut im Managen, Planen, Vorausdenken und Organisieren. Deshalb bemühe ich mich im Moment sehr darum, meine Schuldgefühle loszulassen und auszuhalten, dass jemand anderer die yogalounge ausmalt, statt selbst zu Rolle und Pinsel zu greifen. Ich bemühe mich um Klarheit darüber, dass mein Job darin besteht, den Überblick über unser Renovierungsprojekt zu behalten und die richtigen Aufgaben zur richtigen Zeit an die richtigen Menschen zu vergeben, anstatt jeden Handgriff selbst zu tun und dadurch das ganze Projekt zu gefährden.

Unser wahres Geschenk – das, was wir wirklich zu geben haben – ist für uns oft derartig selbstverständlich, dass wir seinen Wert nicht erkennen. Oder wir haben Angst davor, uns damit zu zeigen, denn immer dann, wenn es um unsere innerste Wahrheit und Essenz geht, sind wir sehr verletzlich.

Aber die Welt braucht genau DICH mit genau DEINER Medizin. Lauf nicht vor ihr davon. Verweigere dich deiner ureigensten Aufgabe nicht. Denn nur wenn du dein wahres Geschenk gibst, kannst du ohne Energieverlust großzügig sein! 

Big, wild love

Laya

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Photo by Dayne Topkin on Unsplash

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