6 Mantras für radikale Selbstverantwortung

 

Sie deckt mich zu, die Frau mit den Zauberhänden, und ich weiß, dass ich für die nächsten 60 Minuten auf ihrer Liege liegen und fühlen und spüren und mit ihr reden und lachen und vielleicht auch weinen werde, und dass ich danach ein Stück heiler, wissender, entspannter und dankbarer in mein Leben zurückgehe – wie jedes Mal, nachdem ihre Hände meinen Körper und meine Seele berührt haben.

Wir sprechen über mein neues Zahnimplantat und über Kopfschmerzen, meine Körpertherapeutin und ich, und sie erklärt mir, welche Ström-Griffe ich halten kann, wenn die rechte Seite meines Nackens sich wieder mal verspannt und mein armer Schädel zu brummen beginnt.

„Ich glaube, das Thema Kopfweh habe ich irgendwie geerbt“, sage ich. „Mein Vater hatte fast jeden Tag starke Kopfschmerzen. Ich erinnere mich, dass er praktisch täglich Schmerzmittel nahm, als ich noch ein Kind war. Ich glaube, er war ziemlich unglücklich mit seinem Beruf. Als ich noch Physik und Mathematik studiert habe, hatte ich auch fast jeden Tag Kopfschmerzen. Jetzt nicht mehr – zum Glück.”

Die Frau mit den Zauberhänden atmet hörbar ein und betont lange aus.

„Was“, fragt sie, „glaubst du, hat dazu geführt, dass du aus diesem Muster ausgestiegen bist?“

Ich denke kurz nach – und dann fällt mir jener Tag im Sommer 2004 ein, damals, als mein Sohn noch ganz klein und ich völlig erschöpft und gleichzeitig bis zum Äußersten angespannt war und Tag für Tag meine seelischen Schmerzen mit einer Essstörung zu ersticken versuchte. Ich erinnere mich so genau an diesen Tag, weil ich – ich sehe es deutlich vor mir -, an der Straßenbahnstation stand, mitten im herrlichsten Sonnenschein, und todunglücklich war.

Und ich stand da und dachte, wenn ich so weiter mache, lande ich in der Psychiatrie, und dann ist niemand mehr da, der sich um mein Kind kümmern kann, und die Anspannung wurde noch stärker und die Erschöpfung noch tiefer – und genau in dem Moment, in dem sich alles bis zur Unerträglichkeit zuspitzte, löste sich ein Knoten.

Von einer Sekunde auf die andere fiel die Anspannung von mir ab. Die Sonne schien plötzlich anders. Der Tag war plötzlich hell. Und in meinem Inneren, in dem zuvor nichts als rastlose Verzweiflung geherrscht hatte, breitete sich ein so profunder und vollendeter Frieden aus, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte.

„Weißt du“, antworte ich der Frau mit den Zauberhänden. „Es hätte auch ganz anders kommen können. Aber ich habe einen Moment großer Gnade erlebt, und von da an veränderte sich mein Leben grundlegend.“

„Was genau hat sich verändert?“, fragt sie, während sie sich ans Fußende der Liege begibt und mit beiden Händen meine Waden hält.

„In diesem Moment habe ich radikal die Verantwortung für mein Leben übernommen“, antworte ich. „Ich habe plötzlich verstanden, dass die Welt nicht so ist, wie sie ist, sondern so, wie ich sie sehe. Und dass ich die Macht habe, meinen Blick auf die Welt zu verändern. Von da an hat sich auch alles andere verändert.“

 

Radikale Selbstverantwortung: Der Ort zwischen meinen Ohren gehört mir!

Es ist wahr – von diesem Moment an war alles anders, auch wenn die Veränderung nicht von heute auf morgen geschah. Es dauerte, bis mein Leben sich auch im Außen veränderte. Es dauerte, bis ich meine Essstörung überwand, es dauerte noch länger, bis ich herausfand, worin meine Berufung liegt, und es dauerte mindestens genau so lange, bis ich wieder in einer liebevollen Beziehung leben konnte und die Verstrickungen gelöst hatte, die die Beziehung zu meinem Kind überschattet hatten.

Ja, es dauerte noch eine Weile, bis ich lernte, das Schiff meines Lebens zu steuern und dorthin zu lenken, wo Freude und Sinn auf mich warteten.

Aber dieser eine Moment war derjenige, in dem ich das Steuerrad in die Hand nahm. Der Moment, in dem ich überhaupt erst verstand, dass mein Lebensschiff bisher ohne Kapitänin und Steuerfrau über die Ozeane geschlingert war, und dass es von jeder Welle und jedem Windhauch mal hierhin, mal dorthin getrieben wurde – ohne Richtung, ohne Kompass, ohne Ziel.

Dieser Moment war derjenige, in dem ich erkannte, dass ich kein Opfer der Umstände, dass ich weder ausgeliefert noch hilflos noch fremdbestimmt noch ohnmächtig bin.

Dieser Moment war derjenige, in dem ich erkannte, dass der Ort zwischen meinen Ohren mir gehört, und nur mir – und dass ICH diejenige bin, die darüber entscheidet, was sich zwischen meinen Ohren abspielt.

Dieser Moment war derjenige, in dem ich mich gegen die Selbstentmachtung und für die Selbstverantwortung entschied.

Frauen von heute warten nicht auf das Wunderbare –
sie inszenieren ihre Wunder selbst.
~ Katharine Hepburn

Ja, dieser Moment im Sommer 2004 brachte die entscheidende Wende in meinem Leben – und ich würde gerne behaupten, dass ich seither nie wieder das Steuerrad meines Lebens aus der Hand gegeben habe. Kann ich aber leider nicht.

Es passiert. Manchmal. Weil es einfacher ist und bequemer, mich zum Opfer der Umstände zu machen. Weil es anspruchsvoll ist und immer wieder eine klare Entscheidung (und oft auch einen Kraftakt) braucht, das Steuer herumzureißen, wenn der Negativ-Sog des Mich-ohnmächtig-Fühlens mich erfasst.

 

Wer ist schuld an meiner Zahnlücke?

Zum Beispiel fiel es mir verdammt schwer, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ich besagtes Zahnimplantat brauchte. Warum?

Ich habe meinen Backenzahn verloren, weil ich trotz Zahnschmerzen nicht zum Zahnarzt ging.

Ich ging nicht zum Zahnarzt, weil ich mitten in der Aufbauphase der yogalounge steckte, weil das ganze Unternehmen an einem seidenen Faden hing, nachdem meine Gründungspartnerin ausgestiegen war, und weil ich ein so heißes Konfliktgespräch mit ihr führte, dass ich es nicht mehr rechtzeitig in die Zahnarztpraxis schaffte.

Am darauffolgenden Wochenende brach beim Zahnarztnotdienst ein Instrument im Wurzelkanal ab. Der Zahn war verloren, zurück blieb eine Lücke.

Und ich ertappte mich dabei, dass ich die Schuld bei meiner damaligen Partnerin suchte – immerhin war ich wegen IHR nicht zum Zahnarzt gegangen. Oder dass ich sie dem Arzt in der Notfallambulanz in die Schuhe schob – immerhin hatte ER das Instrument abbrechen lassen.

Aber all diese Schuldzuweisungen schwächen mich.

Sie machen mich zum Opfer.

Sie berauben mich meiner Handlung- und Entscheidungsspielräume.

Sie lassen mich nicht erwachsen sein.

Sie entmachten mich.

Sie reißen mir das Steuerrad meines Lebens aus der Hand.

Und das lasse ich mir von mir selbst nicht mehr gefallen.

 

“Kein Wunder – bei diesem Vater!”

Kürzlich habe ich die Geschichte von eineiigen Zwillingen gelesen, deren Vater Alkoholiker war. Der eine Sohn wurde ebenfalls Alkoholiker. „Wen wundert es – bei diesem Vater?“ sagte er. Der andere Sohn trank keinen Tropfen Alkohol. „Kein Wunder – bei diesem Vater!“ sagte er.

You may grind their souls in the self-same mill
You may bind them heart and brow;
But the poet will follow the rainbow still,
And his brother will follow the plow.
~ John Boyle O’Reilly

Selbstverantwortung bedeutet, aus dem, was das Leben uns gegeben hat, das Beste zu machen – statt das Leben dafür anzuklagen, dass es nicht immer einfach, nicht immer kuschelig, nicht immer fair und nicht immer gerecht ist.

Wir können die Stürme des Lebens nicht abschalten und auch nicht ihre Richtung ändern. Aber wir können die Segel so setzen, dass sie uns in die richtige Richtung wehen.

Wir können die Wellen des Lebens nicht stoppen (wer will das schon?), aber wir können lernen, darauf zu surfen und Spaß dabei zu haben.

Wir können unsere Vergangenheit, unsere Herkunft, unsere bisherigen Erfahrungen nicht verändern. Aber wir können darüber entscheiden, was wir heute aus ihnen machen.

Wir können die Vergangenheit nicht verändern,
doch deren heutige Auswirkungen.
~ Virginia Satir

 

6 Mantras für radikale Selbstverantwortung

 

# 1 Selbstverantwortung ist anstrengend? Ja, aber …

Klar, kurzfristig mag es einfacher sein, die Opfer-Decke über den Kopf zu ziehen und sich mit einem jämmerlichen „Die Welt ist ja soooo gemein!“ im Bett zu verstecken. Aber irgendwann musst du wieder aufstehen. Und während du herumgelegen bist und dir selbst leid getan (*) hast, haben andere die Ärmel hoch- und ihr Leben umgekrempelt – der Ungerechtigkeit dieser Welt zum Trotz. Sie haben sich angestrengt – dafür haben sie es jetzt leichter.

Manchmal braucht es tatsächlich eine enorme Anstrengung, um das Steuer deines Lebens herumzureißen und die Segel neu zu setzen. Aber wenn du danach mit dem Wind segelst, … ja dann!

{* Wer schon mal eines meiner Seminare besucht hat, weiß, dass ich ein großer Fan von mindful self compassion bin. Wenn wir dieses achtsame Selbstmitgefühl kultivieren, brauchen wir gar kein Selbstmitleid mehr. Na schön, manchmal doch 😊  Darum bin ich auch ein großer Fan davon, mir hin und wieder eine Hochpotenz Selbstmitleid zu vergönnen. Aber nach drei Minuten Selbstmitleid-Vollbad – beziehungsweise nach einer Stunde mit Pralinenschachtel auf dem Sofa – heißt es wieder: Selbstverantwortung marsch!)

MANTRA: Ich mache aus allem, was das Leben mir bringt, das Allerbeste.

 

# 2 Selbstverantwortung auf die leichte Schulter nehmen

Achtung, Falle! Menschen, die radikale Selbstverantwortung übernehmen, neigen häufig dazu, sich die Schuld daran zu geben, wenn es nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt haben. Sie verwechseln Selbstverantwortung mit Machbarkeitswahn – oder mit Selbstüberschätzung. Und schlittern schnurstracks ins schönste Selbstverantwortungs-Burnout.

Lass eine Brise der Leichtigkeit durch deine Haltung der radikalen Selbstverantwortung wehen. Du gibst dein Bestes – was dabei herauskommt, liegt NICHT ausschließlich in deiner Hand!

MANTRA:  Ich gebe mein Bestes. Alles andere übergebe ich einer höheren Macht.

 

# 3 Selbstverantwortung bedeutet nicht, alles selbst machen (und können) zu müssen

Im Gegenteil – Selbstverantwortung bedeutet, zu erkennen, wann und wo du Hilfe brauchst, und dafür zu sorgen, dass du die nötige Unterstützung bekommst. Du übernimmst auch Verantwortung für dich selbst, indem du deine Grenzen anerkennst.

Selbstverantwortung bedeutet auch nicht, alles bereits können und wissen zu müssen. Aber du kannst dir bewusst machen, dass du alles LERNEN kannst, was du brauchst – und dass du dein ganzes Leben lang Zeit hast, um weiter zu lernen, zu wachsen und zu reifen.

MANTRA: Ich kann alles lernen, was für mich wichtig ist. Was ich jetzt noch nicht weiß und kann, wird sich mir in Kürze erschließen.

 

# 4 Selbstverantwortung bedeutet nicht, NUR für sich selbst verantwortlich zu sein

Und wenn wir sagen, dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist,
so wollen wir nicht sagen, dass der Mensch gerade eben nur für seine Individualität verantwortlich ist,
sondern dass er verantwortlich ist für alle Menschen.
~ Jean-Paul Sartre 

Für ALLE Menschen? OMG, ist das nicht ein bisschen viel?

Ich glaube, was Sartre meinte, war, dass radikale Selbstverantwortung uns über unsere Individualität hinauswachsen lässt. Und dass wir, nachdem wir eine Vision von dem individuellen Ich, das wir sein möchten, erschaffen und verwirklicht haben, uns ganz von selbst weiter hinaustrauen und eine Vision von einer liebevollen, freudvollen und friedvollen Welt in unserem Herzen finden.

Haben wir unsere Macht und Schöpferkraft erst einmal erkannt, dann entsteht ganz von selbst die Lust an einem ko-kreativen Neugestalten unserer Beziehungen, unserer Gesellschaft, unserer Welt.

Die Blume meines Lebens erblüht,
wenn ich arbeite, um die Blume
hervorzubringen, die die Welt ist.
~ Uchiyama Roshi

MANTRA: Indem ich Verantwortung für mich selbst übernehme, übernehme ich Verantwortung für diese Welt.

 

# 5 Selbstverantwortung bedeutet, Verantwortung für deine Gefühle zu übernehmen

Niemand anderer kann dich glücklich machen. Und niemand anderer kann dich unglücklich machen.

Spürst du, wie befreiend das ist? Wie viel Macht und Selbstwirksamkeit dir das verleiht?

Klar, es braucht Übung, bei dir zu bleiben – beziehungsweise immer wieder und immer schneller zu dir zurückzukehren – wenn rund um dich Negativität herrscht, wenn du dich gekränkt, verletzt, abgelehnt oder zurückgewiesen fühlst, wenn du neidisch auf andere bist oder ihnen grollst. Es braucht Übung, immer wieder einen konstruktiven und liebevollen Umgang mit deinen Gefühlen zu finden, sie da sein zu lassen, zu spüren, wahrzunehmen – aber gleichzeitig radikal die Verantwortung dafür zu  übernehmen, dass du nicht in diesen Gefühlen „marinierst“, sondern dich für neue und andere Gefühle und Gedanken entscheidest – solche, die dich glücklich und zufrieden machen.

MANTRA: Mein Lebensglück liegt in meiner eigenen Hand.

 

# 6 Zu Selbstverantwortung gehört auch Energie-Management

Halte in der einen Hand einen Regenbogen  
und in der anderen ein Schwert.
~ Quelle unbekannt

Der Regenbogen in der einen Hand – das sind deine Träume, Ideen und Visionen. Sie geben dir Energie, sie beflügeln dich, sie lassen dich immer wieder aufstehen und neu beginnen, wenn du hingefallen bist oder Zeit zum Ausruhen gebraucht hast.

Das Schwert in der anderen Hand – das ist deine Fähigkeit, klare Grenzen zu setzen. Nicht verhandelbare Grenzen. Das ist deine Fähigkeit, Nein zu sagen und nicht zur Verfügung zu stehen, wenn für dich gerade etwas anderes wichtiger ist als das, was von dir gefordert oder erwartet wird.

Energie-Management ist eine der zentralen Aufgaben selbstverantwortlicher Menschen. Immer schneller und differenzierter nehmen sie wahr, was zu ihnen gehört und was nicht. Sie entscheiden sich dafür, andere mit ihrer Energie zu erheben und zu inspirieren – und sie entscheiden sich dafür, sich mit Menschen zu umgeben, die SIE erheben und inspirieren.

MANTRA: Meine Energie ist heilig. Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.

 

Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, ohne diesen Moment der Gnade, damals, im Sommer 2004.

Ich weiß nur, dass ich mich gesegnet fühle. Und dass ich das Geschenk, das mir an jenem Tag in die Hände gefallen ist, in Ehren halten werde – indem ich radikale Selbstverantwortung für mich übernehme, und indem ich das Steuerrad meines Lebens nie mehr aus der Hand gebe.

Die Sonne ist, und sie scheint. Ob ich mich ihr zuwende, ist meine Entscheidung.

Big, wild love

Laya

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Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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