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Schuldgefühle loslassen und frei werden 

 April 13, 2021

Es geht zu leicht. Es ist zu wenig anstrengend. 

Genau das hatte ich mir gewünscht, genau das hatte ich vor zu kreieren. 

Und nun, da das, was ich wollte, eingetreten ist, fühle ich mich unbehaglich - und irgendwie schuldig.

Weil ich mit viel weniger Arbeit viel mehr Erfolg erziele als früher.

Und ich muss verdammt gut aufpassen, um nicht in blinden Aktionismus zu verfallen, um nicht das, was ich kreiert habe, wieder zunichte zu machen und mir tausend neue Dinge aufzuhalsen, nur um wieder genauso viel zu arbeiten und genauso viel Druck zu haben wie noch vor einigen Jahren. 

Ich kenne das.

An diesem Punkt war ich schon gefühlte zweihundert Mal. 

Immer wenn es leichter wurde in meinem Leben habe ich es mir wieder schwerer gemacht. 

Ich bin in die Selbstständigkeit gegangen, weil ich mir meine Zeit frei einteilen und ein maßgeschneidertes Leben führen wollte - und habe mir meine eigenen Gefängnisse geschaffen. 

Ich begegnete endlich einem Menschen, mit dem genau die Beziehung möglich war, die ich mir immer gewünscht hatte - und konnte dieses Geschenk nicht annehmen, suchte jahrelang misstrauisch nach dem Haken, wies diesen Mann von mir, schmetterte seine Liebesbeweise ab, und sabotierte unser gemeinsames Wachstum. 

Ich habe jahrelange innere Arbeit geleistet, um mich nicht mehr für das Lebensglück meines an Demenz erkrankten Vaters alleinverantwortlich zu fühlen - und dann bin ich drauf und dran, das Angebot meines Bruders, mir einige Verpflichtungen abzunehmen, abzulehnen, statt laut Hurra zu schreien.

"Kannst du sie annehmen, diese Fülle?", fragt meine Coach - und ich zucke zusammen. 

Wenn ich ehrlich bin: Nein. 

Wenn ich noch ehrlicher bin, muss ich mir eingestehen, dass etwas in mir nicht daran glaubt, dass ich so viel Fülle, Leichtigkeit und Freiheit verdient habe. Dass ich fast ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich weniger arbeite und mehr Freizeit habe als früher, und dass diese Mühelosigkeit mir verdächtig vorkommt. 


Habe ich ein gutes Leben verdient? 

Zu Beginn jedes Coaching-Prozesses lasse ich die Frauen, die mir gegenübersitzen, erzählen, was ihnen gerade am Herzen liegt und was sie gerne verändern möchte. Fast immer geht es dann um das Gefühl, nicht das "richtige" Leben zu leben, hauptsächlich zu funktionieren und sich anzupassen, ausgelaugt zu sein und energieleer, manchmal auch verzagt, verzweifelt, ohne Perspektive. 

Wenn ich dann frage, wie denn das beste Leben aussehen würde, das diese Frauen sich vorstellen können, folgt nach einem überraschten Blick meist ein Moment des Schweigens. 

Dann beginnen sie zaghaft, eine Vision zu entwerfen. Werden mutiger, beginnen zu sprudeln, zu strahlen, sind inspiriert, erheben sich über sich selbst hinaus - nur um dann wieder in sich zusammenzusinken, weil da eine Stimme in ihrem Kopf auftaucht. 

Eine Stimme, die sagt: "Träum ruhig weiter -  aber so funktioniert das Leben nicht."

Eine Stimme, die fragt: "Wer glaubst du eigentlich zu sein, dass du denkst, ein solches Leben verdient zu haben? "

Eine Stimme, die behauptet: "Wenn das möglich wäre, würden es längst alle machen." 

Und das, obwohl die Visionen, die diese Frauen entwerfen, praktisch nie etwas mit Ruhm und Reichtum, mit extravaganten Wünschen oder kostspieligen Eskapaden zu tun haben. 

Sie wünschen sich einen erfüllenden Beruf. Innige, vertrauensvolle Beziehungen. Weniger Verpflichtungen und Lasten und mehr Zeit für sich selbst. 

Aber sie fühlen sich schuldig dafür, das zu wollen.

Die innere Handbremse ist fest angezogen.

Nichts kann fließen. 


Abgeschnitten vom Fluss des Lebens

Aus Sicht der Chakra-Psychologie entsprechen Schuldgefühle einem Ungleichgewicht im Sakral-Chakra. Dieses zweite Chakra steht unter anderem für Genuss und Sinnlichkeit, für Fülle, für das Geben und Nehmen in Beziehungen,  für den Fluss des Lebens. 

Wenn wir uns schuldig fühlen oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir uns Fülle, Freiheit und Genuss nicht erlauben können, dann sind wir von diesem Fluss abgeschnitten. Wir stecken in der Vergangenheit fest. Wir sind unfähig, anzunehmen und zu empfangen. Wir erkennen gar nicht, welche Geschenke das Leben für uns bereithält, wir sind blind und taub für sie, wir lehnen sie ab, weil wir denken, sie nicht verdient zu haben. 

Diese Blockade kann sich darin äußern, dass 

  • es uns schwerfällt, uns etwas zu gönnen - seien es bestimmte Nahrungsmittel, die wir uns verbieten, seien es Kreativität, Sex oder Sinnlichkeit, sei es ein luxuriöser Urlaub oder einfach Zeit für uns selbst (so manifestieren sich Schuldgefühle in Form eines Defizits). 
  • wir uns auf der anderen Seite selbst damit schaden, dass wir in anderen Dingen zügellos sind und uns selbst keine Grenzen setzen können, zum Beispiel beim Essen, beim Schlafen, beim Social Media Konsum oder im Umgang mit Geld (so manifestieren sich Schuldgefühle in Form eines Exzesses). 
  • unsere Beziehungen toxische Muster aufweisen, zum Beispiel indem wir Dinge für andere tun, die wir gar nicht tun wollen; indem wir  uns zu etwas verpflichtet fühlen, das wir dann mit größtem Widerwillen tun, statt Nein zu sagen; indem wir zu viel geben und zu wenig nehmen - oder einfordern. 
  •  wir materielle Fülle - zum Beispiel in Form von Geld - bewusst oder unbewusst ablehnen 
  • wir an Dingen festhalten, die bestenfalls "Naja" sind (zum Beispiel an Gegenständen, Beziehungen, Jobs, Wohnungen, ...), weil wir denken, es würde nichts Besseres "nachkommen", wenn wir sie loslassen.
  • wir nicht an unsere Träume und Visionen glauben, sie für "zu groß" oder "unerreichbar" halten und der inneren Stimme Glauben schenken, die meint, wir sollten doch bitte schön bescheiden bleiben und uns mit dem zufrieden geben, was wir schon haben oder was anderen Menschen zu genügen scheint. 

SCHULDGEFÜHLE SCHNEIDEN UNS VOM FLUSS DES LEBENS AB. 


SIE VERHINDERN, DASS WIR DIE GESCHENKE DES LEBENS WAHRNEHMEN UND EMPFANGEN KÖNNEN. 


Wie entstehen Schuldgefühle? 

Wie alle Gefühle haben Schuldgefühle ihre Berechtigung und ihren Sinn. 

Sie können zum Beispiel ein Hinweis darauf sein, dass unser Verhalten nicht unseren Werten entspricht oder unseren Ansprüchen an uns selbst nicht genügt. Dann können wir ihre Botschaft nutzen, um unseren Kurs zu korrigieren. 

Verzwickt wird es allerdings, wenn unsere Ansprüche an uns selbst fast unmenschlich hoch sind und wir uns nicht zugestehen, ein Mensch zu sein, der unweigerlich Fehler macht. 

Oder dann, wenn wir unbewusst Werte von anderen übernehmen, die in Wirklichkeit gar nicht unsere eigenen sind, wir uns aber dennoch nach ihnen ausrichten und daher ständig an inneren Konflikten leiden. 

Oder dann, wenn wir von Normen und Moralvorstellungen geprägt sind, die von unserer Familie,  Kultur, Gesellschaft oder Religion stammen, aber nicht unserem Wesen entsprechen. Dann fühlen wir uns zum Beispiel schuldig für die Art und Weise, wie wir arbeiten oder nicht arbeiten wollen, welchen Lebensstil wir uns wünschen, wozu wir Lust oder keine Lust haben, oder wie wir unsere Sexualität leben würden, hätten wir überhaupt Zugang zu unseren wahren Wünschen und Sehnsüchten.

Noch verzwickter wird es, wenn wir unsere Schuldgefühle nicht anschauen wollen - denn das ist notwendig, um sie loszulassen und weiterzugehen, statt in Vergangenheit und Gegenwart festzuhängen. 

Aber dieses Hinschauen kann sehr schmerzhaft sein. Denn Schuldgefühle zeigen uns, wie zutiefst menschlich wir sind - aber auch, wie grausam und ungnädig wir manchmal mit uns selbst umgehen, wie wenig wir uns ein gutes Leben gönnen, erlauben, zugestehen. 

“There are two kinds of guilt: the kind that drowns you until you’re useless, and the kind that fires your soul to purpose.”
~ Sabaa Tahir
“Es gibt zwei Arten von Schuldgefühlen:  in den einen ertrinkst du, bis du nutzlos geworden bist, die anderen lassen deine Seele brennen und dich deine Aufgabe finden.”
~ Sabaa Tahir


Schuldgefühle loslassen - so kann es gelingen


# 1  Akzeptanz. Und bedingungslose Selbstliebe.

In machen buddhistischen Traditionen müssen Mönche mehr als 400 Gelübde ablegen, ehe sie ins Kloster eintreten - Nonnen oft sogar noch mehr. Zum Beispiel müssen sie geloben, niemals auf den Waldboden zu pinkeln, denn damit könnten sie eine Ameise ertränken. Wirklich! 

Aber auch wenn wir noch so viele Gelübde ablegen und einhalten würden - wir könnten doch nicht leben, ohne in irgendeiner Weise anderen zu schaden. Es gehört zu unserem Mensch-Sein auf Erden. Das zu akzeptieren bedeutet Frieden zu schließen mit unserer Unvollkommenheit - denn sie ist kein "Fehler", sondern einfach unser menschliches "Design". 

Können wir uns selbst lieben - trotz oder gerade wegen unserer Unvollkommenheit? 

Können wir uns selbst vergeben und uns dadurch befreien? 

Ich denke an die fast überirdischen Beispiele von Eltern, die den Mördern oder Vergewaltigern ihrer Kinder verzeihen. Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage wäre - aber ich kann mich an dieser Größe orientieren und zumindest mir selbst vergeben. 


# 2 Verantwortung übernehmen statt Schuldgefühle zu unterdrücken

Manchmal empfinden wir großes Unbehagen über etwas, das wir getan oder unterlassen haben. Und wir bleiben in diesem dumpfen, vagen Unbehagen, statt dieses Etwas ans Licht des Bewusstseins zu heben - weil wir Angst vor dem haben, was wir zu Gesicht bekommen könnten. 

Ich zum Beispiel litt jahrelang unter dem unterschwelligen Gefühl, meinem Kind etwas angetan zu haben, das es sein Leben lang beeinträchtigen würde. Als mein Sohn ganz klein war, litt ich an einer Essstörung, und ich war so sehr in meiner Überforderung und meinem Schmerz über die Trennung von meinem ersten Mann und meinen Stiefkindern gefangen, dass ich ihm garantiert nicht die Präsenz, Sicherheit und Aufmerksamkeit geben konnte, die jedes Kind bekommen sollte. 

Viele Jahre lang fand ich nicht den Mut, wirklich hinzuschauen auf das, was da geschehen war. Und hinzuschauen bedeutete vor allem: darüber zu sprechen. Denn so beängstigend es ist, die Dinge klar zu sehen und beim Namen zu nennen, so erleichternd und klärend ist es auch. 

Und ja - diese Jahre haben Spuren hinterlassen in der Psyche meines Kindes. Ja, ich war nicht die Mutter, die ich immer sein hatte wollen. Ja, Dinge sind geschehen, die ich nicht mehr rückgängig machen kann. 

Aber erst, wenn ich den Schmerz darüber zulasse und mit ihm sein kann, kann ich auch Verantwortung dafür übernehmen. 

Und erst dann kann ich meine Schuldgefühle loslassen. 


# 3 Sind das wirklich MEINE Werte? 

Manchmal verheddern wir uns in kollektiven Schuldgefühlen. Kein Wunder - die meisten Menschen in unserem Kulturkreis sind mit Begriffen wie "Erbschuld" aufgewachsen oder mit der Idee eines strafenden Gottes. 

{Kürzlich hat eine liebe Bekannte mir erzählt, ihr Cousin sei mit 27 Jahren an Leukämie gestorben. Seine Mutter, die daraufhin jeden Lebenswillen verloren hat, war der Überzeugung, Gott habe sie mit diesem Schicksalsschlag strafen wollen. Gibt es etwas Grausameres, als sich selbst im Moment des größten Schmerzes auch noch mit solchen Gedanken zu peinigen?}

Immer, wenn Schuldgefühle uns plagen, können wir uns also fragen: Sind das wirklich MEINE Werte, gegen die ich verstoßen habe?  Oder sind es bloß übernommene Moralvorstellungen, zum Beispiel in Hinblick auf Beziehungsmodelle, Wohlstand, Bescheidenheit, Sexualität, Spiritualität, etc.? 

Und, falls es sich um Zweiteres handelt : Wie kann ich mich von diesen eingeprägten, aber lebensfeindlichen Normen und Vorstellungen befreien und mich in meiner eigenen Integrität gründen? 

“There's no problem so awful, that you can't add some guilt to it and make it even worse.”
~ Bill Watterson
"Kein Problem ist so furchtbar, dass du es nicht noch schlimmer machen könntest, indem du ein paar Schuldgefühle hinzufügst."
~ Bill Watterson


# 4 Wiedergutmachung

Vergangenes Jahr habe ich eines meiner Retreats unachtsam geplant. Ich habe zu wenig auf Anreise- und Check in-Zeiten geachtet und den Retreat-Beginn zu früh am Vormittag angesetzt. Das wurde mir erst klar, als einige Teilnehmerinnen bereits angemeldet waren und bezahlt hatten. Als ich den Start auf Nachmittag verlegte, gab es berechtigte Beschwerden, da die Teilnehmerinnen nun für dasselbe Geld weniger Programm bekommen würden. 

Es war mir peinlich. Ich halte bereits seit mehr als zehn Jahren Seminare und Retreats - dieser Schnitzer hätte mir also nicht passieren sollen. 

Mein erster Impuls war, in die Defensive zu gehen oder mich zu rechtfertigen. Doch dann habe ich bemerkt, dass sich hier nur mein Ego aufplustert. Also habe ich die Teilnehmerinnen angerufen, mich entschuldigt und ihnen eine finanzielle Entschädigung angeboten - und damit war die Sache vom Tisch.

Zu unseren Fehlern zu stehen und sie wiedergutzumachen ist etwas anderes, als Schuldgefühle zu haben. Meistens trägt eine Wiedergutmachung - und sei es nur eine symbolische - sogar dazu bei, dass wir unsere Schuldgefühle loslassen können.   


# 5 Das größere Bild 

Wir alle haben wohl schon erlebt, dass die Verletzungen, die wir durch andere Menschen erlebt haben, sich mit ein wenig zeitlichem Abstand als die größten Geschenke erwiesen haben.

"We are all bad in someone else's story", heißt es - in der Lebensgeschichte eines oder mehrerer Menschen übernehmen wir die Rolle der dunklen Kräfte. 

Aber was wäre eine Lebensfilm ohne diese Elemente? Ohne Verletzungen, Erschütterungen, Enttäuschungen? 

Aus einer höheren Perspektive betrachtet - auf seelischer Ebene sozusagen - sind wir bereit, Schuld auf uns zu laden, um dadurch anderen Menschen in ihrer Entwicklung zu dienen. 

Ich weiß, das ist ein riskanter Gedanke - und er sollte keinesfalls dazu führen, dass wir anderen unbedacht Schaden zufügen oder uns vor unserer Verantwortung drücken. 

Aber: Ich persönlich war im Nachhinein noch jedem Menschen, der mir schwierige Erfahrungen beschert hat, zutiefst dankbar für das, was er mir ermöglicht hat.

Und ein Stück weit dürfen wir auch unser eigenes Verhalten, so "fehlerhaft" es auch manchmal sein mag, im Licht einer höheren, allumfassenden Intelligenz sehen, die kein Richtig und kein Falsch kennt. 

{Um Schuldgefühle auf dieser Ebene aufzulösen, kann ich die Tipping-Methode empfehlen. Sie ist in gewisser Hinsicht radikal - aber genau das ist der Punkt.}   

Vor einigen Jahren im Urlaub, irgendwo an der Lykischen Küste. 

Der Liebste, Herr Sohn und ich, der bezauberndste Sommerabend, das herrlichste Essen, die süßesten Früchte, das Lebens so prall. 

Plötzlich ein Gedanke: "Mir soll es gut gehen."

Er überrascht mich  - und noch mehr überrascht mich, dass er mich überrascht. 

Offensichtlich denke ich das zum ersten Mal. 

Offensichtlich hatte ich zuvor Trilliarden Mal unbewusst gedacht, dass mir das Glück nicht zusteht.

Und auch heute noch wabern diese Gedanken und Glaubenssätze zeitweise in meinem System herum. 

Aber ich kultiviere bewusst andere. Liebevolle, großzügige. 

Denn: Ja, mir soll es gut gehen!

Und ich darf sie empfangen, die Fülle des Lebens. 

Buchtipps und Ressourcen:

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