Embrace the kack – 3 Erkenntnisse, die ein Diebstahl mir geschenkt hat

„Ich sehe da Verbesserungspotenzial“, sagt der blonde, schwarzbebrillte Poilzeibeamte.

„Jetzt wo Sie es sagen: Ich auch“, antworte ich.

Und damit meine ich nicht nur, dass wir in der yogalounge unsere Bargeldeinnahmen besser versperren oder – noch besser – gar nicht so viel Bargeld herumliegen lassen hätten sollen.

Was ich wirklich meine (und was der junge Mann im schwarzen Polizei-Shirt und mit der Knarre am Hüftgürtel nicht wissen muss), ist: Ich sehe Verbesserungspotenzial, was meine Bewusstheit in Sachen Vertrauen, Vertrauensseligkeit und blindes Vertrauen betrifft. Und im Umgang mit  Gefühlen.

Denn wir wurden beklaut.

All die kleinen und großen Scheine, und sogar die Münzen aus unserer Bargeldkassa: futsch. Ob es ein Einbruch war, oder ob jemand, der wusste, wie er sich Zugang verschaffen kann, lange Finger bekommen hat, wissen wir (noch) nicht.

 

Ein Coffee-to-go-Becher voller Tränen

Drei Tage, nachdem ich den Verlust bemerkt habe, liege ich an meinen Liebsten geschmiegt im Bett und heule Sturzbäche. Aha, denke ich. Das, was ich für Gleichmut gehalten habe, nachdem ich den Diebstahl bemerkt hatte, war also eher eine Schockstarre. Oder ein typischer Fall von Gelassenheitslüge.  Oder beides. Jedenfalls merke ich erst jetzt, wie sehr mir dieser Vorfall zusetzt.

Nachdem das Schluchzen verebbt ist, nachdem all die Traurigkeit, all der Ärger und all die Enttäuschung aus mir herausgeflossen sind, werde ich ruhig. Mein Atem fließt wieder gleichmäßiger, und mein Liebster streichelt zart meine Wange – so wie er es immer tut, wenn ich mich ihm zeige, in all meiner Verletzlichkeit, meiner Verzweiflung, meiner Zartheit.

„Wie viele Tränen habe ich schon an deiner Brust geweint?“, frage ich mit einem Schniefen. „Ich glaube, ein ganzes Tränenmeer.“

Der Liebste grunzt, und ich weiß, was das zu bedeuten hat. „Okay, vielleicht kein Meer. Aber einen Bergsee.“

Noch ein Grunzen.

„Na schön, eine Badewanne.“

Und noch eines.

Okay.

Selbst wenn es nur ein Coffee-to-go-Becher voller Tränen war – all die Gefühle, die ich mit ihnen aus meinem System geschwemmt habe, würden noch in mir stecken, mein Herz würde verhärten und meine Hüft- und Kiefergelenke würden verkrampfen, hätte ich sie nicht geweint.

„Gelegenheit macht Diebe“, sagt der Polizeibeamte.

„Gelegenheit macht Liebe”, denke ich. Mal sehen, wie ich diese Diebstahls-An-Gelegenheit für mein Wachstum, meine Selbsterkenntnis und einen liebevolleren Umgang mit mir und mit anderen nutzen kann.

 

# 1 Das Murmel-Glas

In Dare to lead erzählt Brené Brown, wie ihre Tochter Ellen in Tränen aufgelöst von der Schule heimkommt. „Ich werde nie wieder irgendjemanden vertrauen!“, schluchzt sie – denn ihre Schulfreundinnen haben sie tief enttäuscht. Sie haben den anderen in der Klasse ein Geheimnis verraten, das sie ihnen anvertraut hatte, und die anderen haben sich über sie lustig gemacht.

Brené erklärt ihr daraufhin, dass es mit dem Vertrauen ist wie mit einem Glas voller Murmeln. Immer, wenn jemand etwas tut oder sagt, das uns zeigt, dass wir ihm oder ihr vertrauen können, kommt eine Murmel ins Glas. Immer, wenn etwas geschieht, das unser Vertrauen in diese Person erschüttert, nehmen wir eine oder mehrere Murmeln raus. Unser Vertrauen, so der Rat der Mutter an ihre Tochter, sollten wir nur denjenigen schenken, deren Murmelglas gut gefüllt ist.

Mir gefällt dieses Bild. Und es wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel diese:

Gestehen wir Menschen, die wir noch nicht kennen, ein halbvolles oder gar volles Murmel-Glas zu – oder müssen sie quasi bei Null anfangen und sich unser Vertrauen „verdienen“?

Letzteres würde für mich einer Haltung des grundsätzlichen Misstrauens den Menschen gegenüber entsprechen. Und mit so einer Haltung möchte ich keinesfalls durchs Leben gehen.

Andererseits – von vornherein jedem ein volles Murmel-Glas zuzugestehen, ist wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss (selbst wenn ich mir das sehr wünschen würde). Dass ich so viel so leicht zugängliches Bargeld herumliegen habe lassen, war nicht vertrauensvoll, sondern vertrauensselig. Blindes Vertrauen ist naiv. Nicht mal jemand wie ich, der an Einhörner glaubt, kann seine Augen davor verschließen, dass es Menschen gibt, die keinen Respekt vor dem Eigentum anderer haben. Die von Asteya, der  yogischen Tugend des Nicht-Stehlens oder Nicht-Bereicherns, noch nie etwas gehört haben.

{Viele Menschen haben davon nichts gehört. Aber die meisten müssen nicht in eine Yoga-Philosophie-Stunde gehen, um zu wissen, dass man sich nicht an Geld bereichert, das andere mit viel Engagement, Ausdauer und Herzblut verdient haben.}

Also vielleicht mit einem halbvollen Glas starten? Den Menschen einen Vertrauensvorschuss gewähren, wohl wissend, dass wir nie davor gefeit sind, dass unser Vertrauen missbraucht wird und wir enttäuscht werden?

Vertrauen ist eine Entscheidung. Ich will mich fürs Vertrauen entscheiden, trotz aller Enttäuschungen, die ich erlebt habe. Aber ich will eine KLUGE Entscheidung treffen, und nicht mehr jedem Menschen blind vertrauen. Ich will nicht mehr vertrauensselig und naiv sein. Ich will meine Wahrnehmung und mein Bewusstsein verfeinern, und herausfinden, wer in meinem Leben die Menschen mit den vollen Murmel-Gläsern sind.

Und wenn ich diese bunt gefüllten Gläser in meinem Beziehungs-Regal ausgiebig betrachte, bemerke ich: Da gibt es einige sehr volle. Und dafür bin ich mindestens so dankbar, wie ich fassungslos über den Diebstahl bin.

 

# 2 Embrace the kack!

Es gäbe so viel Schöneres und Angenehmeres zu tun, als mehrmals zur Polizeistation zu laufen, den Schadensfall mit der Versicherung abzuklären, bessere Lösungen zur Absicherung zu finden und alle jene zu informieren, die informiert werden müssen.

Ja, ich würde viel lieber motivierende Zitate posten, schöne Geschichten schreiben, neue Seminar-Angebote entwickeln, schlaue Bücher lesen, mit einem Glas Prosecco auf der Terrasse sitzen oder tanzen, als mich mit dieser ätzenden Angelegenheiten auseinanderzusetzen.

Da ist Widerstand. Und wieder einmal habe ich das Gefühl, dass mich das, was das Leben mir gerade vor den Latz knallt, von dem abhält, wie ICH eigentlich leben möchte.

Aber das Leben hat immer recht. Und all die genialen Bücher, die tollen Seminare und die motivierenden Zitate taugen nicht als Flucht vor dem echten Leben. Vielmehr helfen sie mir dabei, das echte Leben mit Hingabe, Heldenmut, Herz und Humor zu meistern.

Als ich von der Polizeistation nachhause komme, führe ich einen schriftlichen Seelendialog.

„Ich will nicht ständig stark sein müssen! Ich will mich verkriechen!! Ich will die Decke über den Kopf ziehen und das alles vergessen!!! Ich will mich in meine Büchern vergraben und mich nicht mit solchem Scheiß auseinandersetzen müssen!!!!“, kotze ich aufs Papier.

„Dafür haben wir dich nicht hierher geschickt“, antwortet meine Seele, die immer gut ist für eine ordentliche Portion tough love.

„Ach, tatsächlich? Wofür denn dann?“

„Ich verstehe, dass du bockig bist und im Widerstand, mein Schatz. Atme mal tief durch und spür, was da ist.“

Ich atme, lege eine Hand auf meinen Bauch und eine auf mein Herz. Und ich spüre:

„Da ist Kraft.“

„Na, siehst du?“

„Es ist erstaunlich. Solange ich DENKE, fühle ich mich unfähig, fühle ich mich zu schwach, zu zart für dieses Lebens. Aber wenn ich mich VERBINDE, spüre ich auf einmal diese Kraft in mir…“

„Embrace the suck“, schreibt Brené Brown. Meine Seelenschwestern auf facebook haben „Embrace the kack“ daraus gemacht. Jedes Mal, wenn ich daran denke, muss ich fett grinsen.

Embrace the kack – anders kannst du das Leben nicht lieben. Denn du kannst seine Geschenke, die oft unter einem stinkenden Haufen Kacke versteckt sind, nur empfangen, wenn du eben diese Kacke willkommen heißt, statt Widerstand zu leisten.

No mud, no lotus, sagen die Buddhisten. Und auch Forschungsergebnisse aus der Positiven Psychologie zeigen, dass Menschen, die damit einverstanden sind, dass ein gewisses Maß an Unglück und schwierigen Erfahrungen zum Leben gehört, und die bereit sind, diese Erfahrungen als Dünger für ihr Erblühen zu nutzen, viel glücklicher sind als diejenigen, die erwarten, dass sie immer glücklich sind.

 

# 3 Wir brauchen einander. Das macht uns so verletzlich.

„Ich will nicht so viel fühlen“, schluchze ich in die warme Umarmung meines Liebsten hinein. „Es tut so weh.“

Tags darauf stehe ich frühmorgens an der flixbus-Station und warte auf meinen Bus nach Graz. Neben mir steht eine junge Frau mit pinken Haaren, jeder Menge Tattoos und Piercings. Sie ist stark übergewichtig, schlürft einen Blue Bear Energydrink aus einer silbernen Dose, und ihre beiden Unterarme sind geritzt. Hunderte Narben, alte und neue, dicht an dicht.

Da erinnere ich mich an jene Zeit, in der meine einzige Möglichkeit, mit meinen intensiven Gefühlen zurechtzukommen, darin bestand, sie in Essanfällen zu ersticken.

Und ich erinnere mich daran, was für ein Segen es ist, dass ich heute meine schwierigen Gefühle zulassen, fließen lassen und ausdrücken kann. Denn genau das ist es, was mich lebendig sein und auch Freude, Glückseligkeit, Liebe und Verbundenheit viel tiefer empfinden lässt als früher.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mitfühlend und liebevoll mit mir selbst zu sein, wenn intensive Gefühle auftauchen.

Was ich aber nun mehr und mehr erkenne, ist: Ich darf um das Mitgefühl anderer bitten. Und es auch annehmen.

Es ist so heilsam, meinem Liebsten von meiner Enttäuschung zu erzählen und ihm meine Tränen zuzumuten. Und als ich tags darauf Amanda, meiner 23-jährigen English-Conversation-Trainerin aus Manchester nach Worten ringend von dem Diebstahl berichte, und sie mit „I can imagine how you’re feeling. After all, it was an invasion!“ antwortet, da empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Denn allein das Wort „Invasion“, das sie mir geschenkt hat, hilft mir, zu benennen, was ich fühle – und dieses Benennen ist ein wichtiger Schritt im Bewältigungs-Prozess.

Ich brauche Menschen, denen ich mich zeigen und öffnen kann, denen ich von meinen Empfindungen – auch von den schmerzhaftesten – erzählen kann. Umgekehrt bin ich für viele Menschen zu jemandem geworden, dem sie vertrauen und sich an-vertrauen können.

Natürlich: Auch hier gilt es,  bewusst zu entscheiden, wem gegenüber wir uns öffnen wollen und wem gegenüber nicht. Nicht in jeder Situation ist es klug und sinnvoll, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen und das damit einhergehende Risiko einzugehen.

Aber wenn wir es gar nicht tun, wenn wir uns einen Schutzpanzer zulegen und unsere Maske niemals absetzen, dann werden wir auch niemals das Wunder der Verbundenheit, der echten Begegnung, des Vertrauens und des gegenseitigen Verständnisses erleben.

Na also. Ganz schön viel Lotus für das bisschen Diebstahls-Mud, findest du nicht?

Hell Yeah!

Big, wild love

Laya

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