Die Botschaft der Reue

In meinen Gehirnwindungen knackst es, meine Augen brennen und ich raufe mir wortwörtlich die Haare.

Ich werde 46, da bilden sich neue Synapsen nicht mehr ganz so hurtig wie mit 16, auch wenn ich das nicht wahrhaben will.

Ja, ich bin fast 46 und lerne Englisch. Für die IELTS-Prüfung, bei der ich einen Band Score von 6.0 erreichen muss, damit ich zu genau jenem Studium in London zugelassen werde, das ich mir in den Kopf gesetzt habe.

Also versuche ich, mir mit meinem lausigen Langzeitgedächtnis (für alle Ayurveda-Eingeweihten: Ich bin sowas von Vata!) Vokabeln zu merken und englische Texte über die steinzeitliche Herstellung von Ocker zu entschlüsseln. Ja, wirklich.

Und ich merke: Abgesehen von meiner leicht eingerosteten linguistischen Auffassungsgabe gibt es noch einen großen Unterschied zwischen mir und einer 16-Jährigen. Einen Unterschied, der sich in drei fiese kleine Worte einkochen lässt:

Hätte ich doch.

Hätte ich doch gleich nach der Matura Psychologie studiert! Wäre ich nicht so blöd gewesen, Physik und Mathe zu studieren, obwohl mir diese Fächer überhaupt nicht liegen! Hätte ich doch nicht so viele Jahre damit vergeudet und mich um so viel kostbare Lebenszeit gebracht! Wo könnte ich heute stehen, wäre ich nicht so viele leere Kilometer gelaufen, hätte ich nicht so viele Umwege gemacht, wäre ich nicht ewig vor meiner Berufung davongerannt?

Hätte ich doch. Wäre ich doch. Warum habe ich nicht. Und wieder von vorn.

Zwei doofe Schwestern

„Hätte ich doch“, das ist die Stimme der Reue.

„Hätte ich doch“, das ist die kleine Schwester der drei schädlichsten Worte der Welt – „Wenn nur endlich“.

Zum Glück lasse ich mir von diesen beiden doofen Schwestern nicht mehr alles gefallen.

Zum Glück klinkt sich mein innerer Beobachter ein und schaut meinen Gedanken dabei zu, wie sie sich im Kreis drehen.

Zum Glück stoppt dieses Beobachten den Sog der Reue-Spirale, die meine Stimmung in immer tiefere Tiefen zu saugen droht.

Zum Glück wird mir bewusst, dass das Bereuen bewirkt, dass meine Energie, die ich eigentlich (!) zum Englisch-Lernen und zum Erreichen meiner Ziele brauche, in der Vergangenheit festhängt.

Denn natürlich weiß ich es besser – es bringt nichts, über etwas nachzugrübeln, das sich nicht mehr ändern lässt. Was geschehen ist, ist geschehen, und ich habe keine Ahnung, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich mich damals anders entschieden, wäre ich nach links statt nach rechts abgebogen oder hätte von vornherein einen ganz anderen Weg gewählt.

Es bringt aber genauso wenig etwas, das Gefühl von Reue zu verleugnen oder wegzuschieben, auch wenn die Verlockung groß ist – denn allzu oft gesellen sich zur Reue auch noch Scham und Bitterkeit. Was für ein entzückendes Trio!

 

Reue – was willst du mir sagen?

Was tun also mit unserem „Hätte ich doch“, damit es uns nicht Energie raubt, sondern seine Weisheit mit uns teilt? Irgendeine Botschaft, irgendein wertvolles Geschenk muss in diesem Reue-Gefühl doch versteckt sein!

Ist es auch. Garantiert – wie in jedem Gefühl, wenn wir es uns wirklich zu fühlen getrauen, ohne darin zu marinieren. Wenn wir uns die Geschichte, die wir uns darüber erzählen, bewusst machen und sie dann loslassen. Wenn wir diese Geschichte neu schreiben – lebensdienlicher, mitfühlender und menschlicher.

Ein lebendes Wesen zu sein bedeutet, mit Reue zu leben.
Wer behauptet, nichts zu bereuen, ist ein Lügner oder ein Narr.
Nimm deine Reue so an, wie du deine Fehler annimmst.
Und dann geh weiter.

~Jude Watson

 

Den Um- und Irrwegen vertrauen

Unsere Lebenswege sind verschlungen. Das, was wir auf unseren Um- und Irrwegen erleben, erkennen und erlernen, werden wir vermutlich noch sehr gut gebrauchen können. Jeder „Fehler“, jedes „Scheitern“ hat einen tieferen Sinn, auch wenn wir ihn oft erst viele Jahre später begreifen.

Kannst du darauf vertrauen, …

… dass du nicht alles wissen musst?

… dass du die Entscheidungen an den Gabelungen deines Lebensweges nur beherzt im jeweiligen Moment und mit deinem aktuellen Bewusstsein treffen kannst – und nicht mit dem Bewusstsein und Wissen, über das du Jahre später verfügen wirst?

…. dass das größere Bild sich erst nach und nach zeigen wird?

… dass deine Seele dich nicht umsonst manchmal in die scheinbare Irre, hinab in tiefe Tiefen, in Schluchten, durch dichtes Dickicht führt … um dir dann wieder den Weg in unverhoffte Höhen zu weisen?

 

Die Botschaft der Reue: Klugheit, Klarheit und Kraft

Vielleicht geht es bei deinem „Hätte ich doch!“ gar nicht um eine große Lebensentscheidung wie eine Heirat oder eine Ausbildung oder das Auswandern in ein fernes Land, sondern um die vielen kleinen täglichen Entscheidungen, die du triffst.

Vielleicht hättest du im Nachhinein doch lieber die roten Schuhe gekauft als die schwarzen.

Vielleicht denkst du im Nachhinein, du hättest dir die schnippische Bemerkung deiner Kollegin gegenüber doch lieber vekneifen sollen.

Oder es ist genau umgekehrt: Hättest du der Kollegin doch endlich mal deine Meinung gesagt, statt verkniffen zu lächeln, während es in deinem Inneren gegrummelt hat wie in einem Waschbärbauch!

Ob klein oder groß: Was wir bereuen, sagt einiges über uns aus. Und wenn wir unsere Reue genau erforschen, können wir dabei jede Menge über uns selbst herausfinden.

Botschaft #1: Jetzt bist du klüger!

Das Schöne an der Reue ist, dass sie uns zeigt, dass wir klüger geworden sind. Dass wir jetzt etwas sehen und verstehen, was wir zuvor nicht gesehen und verstanden haben.

Wer wachsen und reifen will, kommt um unangenehme Gefühle, die ihn mit der Nase auf etwas stoßen, das „stinkt“, sowieso nicht umhin. Zu erkennen, was in unserem Leben stinkt (und warum es stinkt), ist der erste und wichtigste Schritt, um das Übel an der fauligen Wurzel zu packen und durch wohlriechendere Duftquellen zu ersetzen.

Botschaft #2: Das ist dir wichtig!

Mir zum Beispiel ist wichtig, mich einer Arbeit zu widmen, die im Einklang mit meinen Begabungen ist, und in der ich meine Talente entfalten kann. Dass ich viele Jahre in ein naturwissenschaftliches Studium und in einen Beruf investiert habe, der mich nicht erfüllt hat, hat mir erstens gezeigt, worin meine Begabungen definitiv NICHT liegen. Zweitens hat es mir klar gemacht, dass mein Standard diesbezüglich sehr hoch liegt. Mir reicht es einfach nicht, einen Job zu machen, bei dem der Leidensdruck nicht all zu groß ist und bei dem die Bezahlung halbwegs passt. Arbeit bedeutet für mich Selbstverwirklichung, und einen größeren Sinn in meiner Arbeit zu finden ist ein zentraler Wert für mich.

Vielleicht zeigt dir deine Reue, dass Rot gerade DIE Farbe für dich ist, und dass es an der Zeit ist, dich mehr zu trauen, wenn es um dein Äußeres geht.

Vielleicht zeigt dir deine Reue, dass es dir wichtig ist, wahrhaftig und klar auszusprechen, was du denkst, statt es runterzuschlucken und dann eitrige Angina zu bekommen 😊

Die Botschaft der Reue kann dich schnurstracks zu der Erkenntnis führen, was für dich essenziell ist. Und diese Erkenntnis wiederum kann dir als Kompass für zukünftige Entscheidungen dienen!

 

Botschaft #3: Das kannst du verändern!

„Du kannst. Du darfst. Und du solltest es in Zukunft anders machen!“ Das ruft die Reue dir zu.

Auch wenn du Vergangenes nicht mehr ändern kannst – du hast sehr wohl die Macht darüber, welchen Einfluss deine früheren Entscheidungen auf den gegenwärtigen Moment und auf die Zukunft haben!

Du kannst dir einen Plan zurechtlegen, wie du mit deiner Kollegin kommunizieren wirst, wenn du sie wieder einmal an der Kaffeemaschine triffst.

Du kannst dir eine Shopping-Strategie zurechtlegen, oder beim nächsten Mal eine Freundin mitnehmen und sie darum bitten, dich daran zu erinnern, dass du bei der Farbwahl mutiger sein möchtest als bisher.

Ich zum Beispiel war früher absolute Trennungsexpertin. Immer, wenn es ans Eingemachte ging, bin ich aus meinen Beziehungen davongelaufen – und habe es hinterher bitter bereut. Ich wusste, dass ich irgendwann diesen Punkt überwinden und dranbleiben musste, wenn ich echte Tiefe in meiner Partnerschaft erleben wollte. Meine Strategie? Ich habe beschlossen, ein zweites Mal zu heiraten, obwohl ich Heidenangst davor hatte.  Das war mein symbolisches Ja – nicht nur zu meinem Liebsten, sondern auch dazu, meinen Dämonen ins Auge zu blicken, statt vor ihnen davonzulaufen …

 

Selbstvergebung

Harsche Selbstkritik. Optimierungswahn. Perfektionismus. Kennst du irgendetwas davon?

Als ob „Hätte ich doch“ nicht schon schlimm genug wäre, setzen wir oft noch eins drauf. Aus „Hätte ich doch“ wird dann „Wie konnte ich nur so doof sein und …“ oder „Jeder Idiot hätte damals erkennen können, dass …“

Würde deine beste Freundin so mit dir reden? Würde die Stimme der Liebe so mit dir sprechen?

Was würde deine innere Mentorin dir raten? Was würde ein guter Coach dich fragen? Wie würdest du mit dir sprechen, wenn du freundlich und mitfühlend zu dir wärst?

Durchsuche das Universum nach einem Wesen, das deine Liebe und Zuneigung mehr verdient als du, du wirst es nirgends finden.
Du selbst verdienst deine Liebe und Zuneigung ebenso sehr wie jedes andere Wesen im gesamten Universum.
~ Der Buddha

Manchmal ist es schwieriger, uns selbst zu vergeben als anderen. Doch Selbstvergebung macht uns frei für die Zukunft. Sie hilft uns, das Vergangene loszulassen, alten Ballast abzuwerfen und beschwingt und frei neue Wege zu gehen. Selbstvergebung ist eine Qualität des Herzens. Denn das Herz liebt bedingungslos – und nicht nur dann, wenn alles perfekt ist und wir keine „falschen“ Entscheidungen treffen.

Na schön. Ich bin 46 und keine 16 mehr. Es gibt Dinge in meinem Leben, die ich bereue.

Je älter ich werde, desto kostbarer wird mir die Zeit, die ich hier auf Erden verbringen darf. Daher beschließe ich, die Botschaft der Reue zu hören, ehe mir vor lauter „Hätte ich doch“ graue Haare wachsen – und ein noch wahrhaftigeres, liebevolleres und vertrauensvolleres Leben zu führen. Hell Yeah!

Big, wild love

Laya

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Anregend wie der erste Schluck Kaffee.
Wohltuend wie die Morgensonne.
Nährend wie eine Umarmung.
 

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